Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

Das Tagebuch von Johann Dötsch gegen das Vergessen

von Joachim Hennig

 

Einleitung

Die Erinnerung an das Kriegsende vor 75 Jahren, dessen wir in diesem Jahr ganz besonders gedenken, wäre sehr unvollständig, wenn wir nicht auch die Räumung der Konzentrationslager in den Blick nähmen. Denn in der Endphase der NS-Verbrechen erreichten die Todeszahlen dort einen furchtbaren Höhepunkt. Historiker schätzen, dass in den letzten Kriegswochen und während der Räumung der Konzentrationslager mindestens ein Drittel – oder gar die Hälfte - der über 700.000 registrierten KZ-Häftlinge, die sich im Januar 1945 in der Gewalt der SS befanden, auf den Todesmärschen oder in den Sterbelagern zu Tode kamen (vgl. Karin Orth: Das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager, 1999, S. 349).

Anders als die Geschichte der Konzentrations- und Vernichtungslager ist diese Phase der KZ-Verbrechen bis heute nur unzureichend aufgearbeitet. Da es naturgemäß – wenn überhaupt – nur ganz wenige offizielle Dokumente über die Räumung und die Märsche gibt, ist man für diese Geschichte im Wesentlichen auf Berichte von Zeitzeugen angewiesen. Einen solche Schilderung gibt es von dem aus Koblenz(-Metternich) stammenden Sozialdemokraten und Gewerkschafter Johann Dötsch. Dötsch war bis zuletzt Häftling im KZ Sachsenhausen und ging von dort aus auf den Todesmarsch. Er machte darüber Aufzeichnungen und überlebte das furchtbare Geschehen. Anhand dieses Einzelschicksals und des Berichts soll hier an die Todesmärsche, die Befreiung vom Faschismus und an die Hoffnungen und Erwartungen der überlebenden Verfolgten der NS-Verbrechen erinnert werden.

Dazu wird zunächst die Lebensgeschichte von Johann Dötsch kurz erzählt, dann die Geschichte der Todesmärsche skizziert und schließlich das Tagebuch von Johann Dötsch auszugsweise wiedergegeben.

Kurz-Biografie von Johann Dötsch

Abbildung 1: Johann Dötsch (Passfoto, wohl aus den 1920er Jahren).

Der 1890 in dem damals noch selbständigen Metternich (heute ein Stadtteil von Koblenz) geborene Johann Dötsch absolvierte nach der Volksschule eine Maurerlehre und war anschließend Berufssoldat im Ersten Weltkrieg.

Im Jahr 1920 trat er in die SPD und in die Gewerkschaft ein. Im Ortsbezirk arbeitete er sich hoch, wurde Parteisekretär und Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Koblenz. Von 1929 bis 1933 war er gewähltes Mitglied des Preußischen Provinziallandtages der Rheinprovinz.

Abbildung 3: Johann Dötsch (links vorn) beim Treffen des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold in Mainz 1925.

Bald nach der Machtübernahme durch die Nazis kam er das erste Mal in „Schutzhaft“, eine zweite „Schutzhaft“ folgte Ende 1933. Wieder in Freiheit musste Dötsch privatisieren und seinen Unterhalt als Handlungsreisender für Seifenartikel und als Obstbauer sichern.

 Bei Kriegsbeginn 1939 überschlugen sich die Ereignisse: Seiner Einberufung als Hauptmann der Reserve zur Wehrmacht kam seine Festnahme zum 1. September 1939 zuvor. Im Rahmen der so genannten A-Aktion wurde Johann Dötsch zusammen mit ca. 850 Parteifunktionären und Gewerkschaftern in „Schutzhaft“ genommen. Die Nazis verschleppten ihn von Koblenz aus ins KZ Sachsenhausen.

Abbildung 5: Eingangstor des Konzentrationslagers Sachsenhausen.

Dötsch erhielt die Häftlingsnummer 2357 und wurde, wie viele andere auch, unendlich gequält. Versuche, ihn freizubekommen – und sei es auch nur als Soldat – scheiterten.

Er war bis zum Skelett abgemagert, als er mit vielen tausend anderen Häftlingen kurz vor Kriegsende von Sachsenhausen aus auf den Evakuierungs-/Todesmarsch in Richtung Ostsee getrieben wurde. Wer nicht weiter konnte, den brachten die Wachmannschaften mit einem Genickschuss um. Anfang Mai setzte sich die SS ab und die Häftlinge waren endlich frei.

Abbildung 6: Route des Todesmarsches von Johann Dötsch.

Am Ende seiner Kräfte fand Johann Dötsch eine Bleibe bei einer Familie Hahn in Dümmer bei Schwerin. Dort schrieb er sein Tagebuch - bis zur Befreiung zunächst rückblickend. Dann setzte er die Eintragungen bis August 1945 fort. Schließlich war er gesundheitlich so weit hergestellt, dass er in seine rheinische Heimat zurückkehren konnte.

Dötsch wurde Mitbegründer der SPD in Koblenz und ab 1. Januar 1946 Präsidialdirektor („kleiner Minister“) für Arbeit und Soziales der Provinz Rheinland-Hessen/Nassau. Doch bald, am 2. Oktober 1946, starb Johann Dötsch an den Folgen der KZ-Haft.

Kleine Geschichte der Todesmärsche

Die Märsche begannen mit der Räumung der Konzentrationslager, sie waren Räumungsmärsche. Wegen der grausamen Geschehnisse dabei werden sie zu Recht Todesmärsche genannt. Sie erfolgten zu unterschiedlichen Zeiten und abhängig vom Kriegsgeschehen. Experten gehen davon aus, dass der Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei Heinrich Himmler schon im Frühjahr oder Sommer 1944 den Entschluss gefasst haben könnte, die KZ-Häftlinge nicht in die Hände der Alliierten fallen zu lassen. Ein wichtiger Mitarbeiter im SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt sagte dazu nach dem Krieg aus:

Gegen Ende 1944 wurde mir ein Befehl Himmlers die KZs betreffend bekannt, welche im sogenannten A-Fall (Vorrücken des Feindes) der Befehlsgewalt der HSSPF (Höheren SS- und Polizei-Führer, die „Stellvertreter“ Himmlers in den einzelnen Regionen, Anm. d. Verf.) unterstehen sollten. Diese sollten sich auch um die Insassen kümmern, die in diesem Fall abtransportiert werden sollten (Evakuierungstransporte und Evakuierungsmärsche). Die HSSPF waren in diesem Fall für Nahrung, Kleidung und Unterkunft während des Marsches verantwortlich.

„Nur“ die Modalitäten der Räumung wurden von den führenden Nazis unterschiedlich gesehen. Während Hitler bis zu seinem Tod die KZ-Häftlinge lieber töten als sie in die Hände des Feindes fallen lassen wollte, favorisierte Himmler die Idee, jedenfalls die noch lebenden jüdischen KZ-Häftlinge als Verhandlungsobjekte und Geiseln zu benutzen. Himmler versuchte nämlich seit Mitte 1944 mit den Westalliierten ins Gespräch über einen Separatfrieden zu kommen, wobei ihm die jüdischen Häftlinge nützlich sein konnten.

Die Räumung der Konzentrations- und Vernichtungslager, die sich in der Endphase des Zweiten Weltkrieges ja im gesamten damaligen Deutschen Reich und auch in den von Deutschland besetzten Ländern befanden, erstreckte sich über einen Zeitraum von einem Jahr und fand in drei Phasen statt:

In der ersten Phase wurde ein Teil der Lager im Osten geräumt. Im April 1944 löste man das Konzentrations- und Vernichtungslager (Lublin-)Majdanek auf, dann Lager im Baltikum (das Lager Vairara im Juni 1944 und im Juli 1944 die Lager Kaunas und Riga). Im Sommer 1944 verlegte die SS auch größere Häftlingsgruppen aus dem Konzentrationslager Auschwitz überwiegend in im „Altreich“ gelegene Konzentrationslager. Schließlich räumte die SS im September 1944 die beiden am weitesten im Westen gelegenen Konzentrationslager Herzogenbusch (Vught) und Natzweiler.

In der zweiten Phase wurden die letzten im Osten gelegenen großen Konzentrationslager „evakuiert“: Auschwitz, Groß-Rosen und Stutthof.

In der dritten und letzten Phase der Räumung ging es um die Evakuierung der auf deutschem Boden gelegenen Konzentrationslager Mittelbau-Dora, Buchenwald, Bergen-Belsen, Sachsenhausen, Ravensbrück, Neuengamme, Flossenbürg und Dachau sowie des in Oberösterreich gelegenen KZ Mauthausen.

Die hier in Rede stehende Räumung des KZ Sachsenhausen gehörte also zur dritten und letzten Phase der „Evakuierung, die von April bis Mai 1944 dauerte. Schon ab Jahr 1944 bereiteten die Lagerleitungen, auch in Sachsenhausen, die erwartete Räumung mit Mordaktionen vor. Opfer waren „marschunfähige“ KZ-Häftlinge, kranke und geschwächte Gefangene, von denen die Lager-SS glaubte, dass sie den Strapazen der „Evakuierung“ nicht gewachsen seien, sowie „gefährliche Häftlinge, solche, die die SS einer Widerstandstätigkeit verdächtigten. Unter ihnen befanden sich zahlreiche meist deutsche Funktionshäftlinge mit dem roten Winkel. In Sachsenhausen waren etwa 140 von ihnen auf einer Liste notiert, sie wurden dann dort auch erschossen. Andere Häftlinge ermordete man mit Giftinjektionen oder in der Gaskammer (sog. Station Z).

Die Evakuierung des KZ Sachsenhausen begann mit der Räumung der zahlreichen Außenlager. Deren Häftlinge wurden entweder in das Stammlager Sachsenhausen oder aber in andere Konzentrationshauptlager getrieben.

Inzwischen hatte Himmler, der „Herr über die Konzentrationslager“ seine Linie für verbindlich erklärt. In der sogenannten Märzvereinbarung vom 12. März 1945 zwischen ihm und seinem Leibarzt Felix Kersten sagte er zu, den Befehl Hitlers, „die Konzentrationslager beim Herannahmen der Alliierten in die Luft zu sprengen, nicht weiter(zugeben)“ und verbot „jede Sprengung ebenso wie die Tötung von Gefangenen. (…) Die Konzentrationslager werden nicht geräumt, die Gefangenen vielmehr dort gelassen, wo sie sich zurzeit befinden, und dürfen Lebensmittelpakete empfangen.“

In diesem Wirrwarr hatte der Kommandant des KZ Sachsenhausen, Anton Kaindl, Himmler Anfang April 1945 vorgeschlagen, das KZ an das Schwedische Rote Kreuz zu übergeben. Als Himmler dem nicht zustimmte, entschied Kaindl, die Häftlinge nach Schleswig-Holstein zu treiben. Das Ziel sollte wohl Flensburg oder Lübeck sein. Am 20. April 1945 lehnte er die Übergabe des KZ Sachsenhausen an das Schwedische Rote Kreuz endgültig ab. Am gleichen Tag begann die Räumung des Stammlagers Sachsenhausen und auch die Flucht der Kommandanturangehörigen.

In den Morgenstunden des 21. April 1945 wurden nach und nach die überlebenden 33.000 gequälten und halbverhungerten Häftlinge, darunter auch Frauen und Kinder, in Blöcken zu 500 zusammengestellt und nach und nach in Marsch gesetzt. Sie wurden auf mehreren Routen von SS-Wachmannschaften mit scharfen Hunden nach Nordwesten (auf die sog. Nordroute) getrieben.

Mit dem Abmarschbefehl am frühen Morgen des 21. April beginnt das Tagebuch von Johann Dötsch. Lesen Sie nun sein „Tagebuch gegen das Vergessen“, niedergeschrieben in einem alten Wehrmachtinventarbuch. Es wird hier in Kursivschrift auszugsweise wiedergegeben. Die Texte in Normalschrift stammen vom Verfasser des Artikels und dienen der Erläuterung.

Johann Dötsch: Das Tagebuch gegen das Vergessen. Zum „Todesmarsch“ vom KZ Sachsenhausen vom 21. April 1945 bis August 1945.

21. April 1945. Morgens 4 Uhr plötzlicher Befehl: Das ganze Lager wird heute geräumt. 5.45 Uhr traten zunächst die Polen zum Abmarsch an. Sofortiges Packen. Ich hatte leider meinen Rucksack mit den liebsten Sachen und unsere selbst verfasste Broschüre über Obstbau, Geburtstagsgratulationen u.a. mehr auf meinem (Arbeits-)Kommando gelassen, weil kein Mensch mehr mit der Räumung des Lagers rechnete... Wir wurden zu 500 Häftlingen in Marschblocks zusammengestellt und unter strengster Bewachung der SS auch mit Spürhunden in Marsch gesetzt. Unser Marschblock verließ um etwa 3 Uhr nachmittags bei strömenden Regen das Lager. Als Verpflegung bekam jeder 1 1/2 Kilo Brot und je vier Konserven etwa ¾ Kilo Wurst mit... Wir marschierten an der ganz zerbombten Siedlung Sachsenhausen vorbei, durch Dorf Sachsenhausen, Teerofen bis Sommerfeld. Hier kamen wir zur Hälfte in einer Feldscheune, zur Hälfte im Freien unter.

22. April 1945. Frühmorgens marschierten wir auf der Straße nach Neuruppin weiter. Auf dieser großen Fluchtstraße vor den Russen ging es nur langsam vorwärts, da die Straße mit endlosen Flüchtlingstrecks, zurückflutenden Truppen, Panzern und Waffen aller Gattungen sehr verstopft war. Unsere große Sorge galt den Tieffliegern, die uns zwar öfter überflogen, aber keine Bomben warfen... Hinter dem Städtchen Lindow bei starkem Hagelschauer Mittagsrast, ohne Essen nach verkürzter Rast Weitermarsch auf Rheinsberg. Hier zeigten sich schon bald die erschütternsten Zeugen der SS-Mordgier. Erst spärlich, dann aber immer häufiger tote Häftlinge im Straßengraben mit dem berüchtigten Genickschuss. Wer zurückblieb, wurde erbarmungslos erschossen. besonders mit den Ausländern machte man kurzen Prozess...

23. April 1945. Gegen 11 Uhr kamen wir an lagernden Truppen vorbei, die uns Kaffee während der Ruhepause gaben. Unser Führer versprach, heute um 14 Uhr den Marsch abzubrechen und ein anständiges Quartier zu besorgen. Tatsächlich kamen wir gegen 15 Uhr auf einem großen Gutshof bei dem Dorf Schweinitz im Kreis Ostprignitz an. In einer riesigen neuen Scheune mit viel Stroh kamen wir gut unter. Abends gab uns das Gut reichlich Pellkartoffeln, die mit Heißhunger verzehrt wurden...

Die Bevölkerung reagierte unterschiedlich auf die Häftlingskolonnen, die bei nasskaltem Wetter 20 und auch 40 Kilometer am Tag marschierten und oft im Freien übernachteten. Manchmal erhielten sie - wie in Schweinitz - Lebensmittel, meistens erfuhren sie aber völlige Gleichgültigkeit. Am folgenden Tag kamen die Häftlinge in ein „Lager“ im „Belower Wald“. Es bestand im Wesentlichen aus einem etwa 40 ha großen Waldstück mit Buchen- und Kiefernbestand in der Nähe des mecklenburgischen Dorfes Below. Während die SS-Lagerführung sich in nahe gelegenen Bauernhöfen einquartierte, suchten die Häftlinge im „Waldlager“ in selbst errichteten Unterständen und Erdlöchern Schutz vor der Witterung und versuchten, ihren Hunger mit Kräutern, Wurzeln und Rinde zu stillen. Es kursierten Gerüchte, die Häftlinge sollten im Wald verhungern.

24. April 1945. Gegen 3 Uhr kamen wir in den riesigen Wäldern von Below an. In diese Wälder trieb die SS das ganze Lager Sachsenhausen und etwa 15 000 Frauen des (Frauen-Konzentrations-)Lagers Ravensbrück. Hier war man sich völlig selbst überlassen. Die Postenkette war in weitem Kreis um den Wald gezogen. Ohne jede Verpflegung und ohne Wasser sah unser Lager recht trostlos aus. Am zweiten Tag wurde die Postenkette einfach durchbrochen, um Wasser zu holen. Da in höchster Not kam die Hilfe vom Internationalen Roten Kreuz in Gestalt von Paketen mit ausgezeichnetem Inhalt. Corned Beef, Wurst, Butter, Keks, Schokolade, Zucker, Tee, Kaffee und nicht zuletzt köstliche Zigaretten. Dann hob sich der Lebensmut der Menschen rasch wieder. Für viele kam die Hilfe aber zu spät. Morgens kam mancher aus seiner selbst gebauten Hütte nicht mehr hervor und musste irgendwo im Walde verscharrt werden... In diesem grauenvollen Walde verblieben wir bis einschließlich 29. April. Das Rote Kreuz brachte noch zweimal Pakete dorthin. Die Leitung des Roten Kreuzes muss auch wegen der Erschießungen von Häftlingen interveniert haben, denn der Kommandant machte vor dem Weitermarsch bekannt, dass niemand mehr erschossen werden dürfe. Die Kranken wurden an den Marschstraßen gesammelt und vom Internationalen Roten Kreuz weiter transportiert.

30. April 1945. Früh morgens kam eiliger Abmarschbefehl aus dem Walde von Below in Richtung Lübeck, weil die Herren der SS fürchteten, von den Russen eingeholt zu werden. Davor hatten sie eine höllische Angst. Deshalb wurden wir den Amerikanern in die Arme getrieben. Vor dem Abmarsch gab es nochmals ein Rotes-Kreuz-Paket zu fünf Mann. Am ersten Marschtag erreichten wir schon mecklenburgische Orte, kamen dann aber wieder in die Ostprignitz. In einem kleinen Bauernhof von seltener Verwahrlosung kamen wir gegen 14 Uhr in einer Scheune mit reichlich Stroh unter.

1. Mai 1945. Am 1. Mai ein trauriger Maispaziergang. Die meisten mit wunden Füßen, verlaust, seit Tagen nicht gewaschen. Die Verstopfung der Straßen mit Truppen und Flüchtlingen vor den Russen wurde immer ärger. In den Straßengräben massenhaft ausgebrannte Wagen, tote Pferde und Menschen. Die Straßen von Bomben der Tiefflieger stark aufgerissen. Während des Marsches passierten wir Zechlin und Parchim in Mecklenburg. Sechs Kilometer hinter Parchim biwakierten wir im Walde. Spät abends kam nochmals das Rote Kreuz und überreichte jedem ein ganzes Paket mit auserlesenen Sachen. Die sehr nieder gedrückte Stimmung hob sich wieder. Dafür sorgten in erster Linie die im Paket enthaltenen 20 Stück Chesterfield-Zigaretten.

Inzwischen begann die Struktur der Marschblöcke zu zerfallen und zerfiel immer mehr. Einzelne Häftlinge, z. T. auch kleinere Gruppen, konnten sich zunehmend absetzen. Die meisten Häftlinge erhielten ihre Freiheit zwischen dem 2. und 5. Mai in der Nähe von Schwerin, mehr als 200 Kilometer vom KZ Sachsenhausen entfernt. Inzwischen war die gesamte Bewachung verschwunden und die Häftlinge blieben sich selbst überlassen. Die Umstände der Befreiung blieben so für sie eher verwirrend, zumal Kontakte zu den Soldaten der Alliierten erst später zustande kamen.

2. Mai 1945. Um 7.30 Uhr wurde abmarschiert. Infolge der teilweisen Verstopfung der Straße kamen wir nur langsam vorwärts. Überall tote Pferde und Menschen. In Scharen versuchten die Häftlinge, die Kartoffelmieten zu plündern. Tote Pferde wurden angeschnitten und bis auf das Skelett weggeschleppt... Während des Marsches sickerte die Nachricht durch, dass Hitler und Goebbels gefallen seien, Himmler sich erschossen und Dönitz das Oberkommando übernommen habe. Hinter Crivitz, das tags zuvor von Bomben arg mitgenommen war, machten wir in einem Wald Halt und blieben über Nacht. An dem Tage, dem 2. Mai 1945, waren wir das erste Mal ohne SS-Bewachung. Die hatten ihre Gewehre weggeworfen und überließen uns unserem Schicksal. Mit einbrechender Dunkelheit setzte in den Wäldern eine tolle Schießerei ein, die Soldaten verfeuerten ihre Munition in die Luft. Gewehrpatronen, Handgranaten, Panzerfäuste krachten durcheinander. Unzählige Leuchtpatronen erhellten die Nacht. Mir kam die Knallerei wie der Grabgesang für die deutsche Nation vor. Das also war das Ende des so genannten 1000-jährigen Reiches des politischen Amokläufers Hitler. Traurig, traurig, unsagbar traurig. In Gedanken an dieses traurige Ende des Deutschen Reiches wollte keine rechte Freude über die endliche Befreiung aus den Klauen der SS aufkommen...

3. Mai 1945. Frühmorgens erklärte unser Führer, SS-Hauptsturmführer Wagner, dass wir alle tun könnten und hingehen könnten, wohin wir wollten. Er empfahl uns aber, nicht lange zu warten, sondern recht bald nach Schwerin zu gehen, weil dort die Amerikaner ständen, während die Russen auf unser Lager im Vorwärtsrücken seien. Gegen 7 Uhr machten wir uns mit fünf Mann ... auf den Weg. Wieder ging es an endlosen Flüchtlingstrecks und Truppen aller Waffengattungen vorbei. Ich hatte sehr an Durchfall und einem schmerzenden Hüftgelenk zu leiden. Unterwegs verlor ich im Gedränge meine Kameraden und humpelte allein weiter. Gegen 11 Uhr kam ich an die amerikanische Demarkationslinie sechs Kilometer östlich von Schwerin. Ein amerikanischer Doppelposten und ein großes Sternenbanner kennzeichneten die Stelle an der Straße. Ich hatte mir unseren Übertritt zu den Amerikanern nicht so friedlich vorgestellt. Von hier aus setzte ein immer lebhafter werdender Verkehr mit Patrouillenfahrzeugen mit Militärpolizei ein, die den Menschenstrom lenkten. Alles ging in größter Ruhe vor sich. Die Amerikaner, alles prachtvoll genährte, gut gekleidete, junge Menschen waren sehr korrekt in ihrem Verhalten gegenüber Truppen, Flüchtlingen und uns Häftlingen. Sehr bald hatten sie heraus, dass die mit dem „roten Winkel“ politische Häftlinge waren. Kurz vor dem Eintritt in die eigentliche Stadt war die Straße gesperrt. Niemand von dem Flüchtlingsstrom durfte in die Stadt. Alle Fahrzeuge wurden rechts und links der Straße in den Wald geschoben, die Soldaten kriegsgefangen abgeführt und die Flüchtlinge und wir uns selbst überlassen. Nun begann ein wildes Ausplündern der Heeresfahrzeuge nach Essbarem. Alle erdenklichen Lebensmittel kamen zum Vorschein. Unterwegs hatte ich mich an zwei andere Kameraden aus dem Lager angeschlossen. Der eine hatte ein riesiges Stück vom Schwein und bald brieten Koteletts in der Pfanne. Und ich durfte sie meinem Magen nicht zumuten. Brot gab es leider gar keins. Aber sonst fast alles. Abends gingen wir in eine große Kaserne in der Nähe zum Schlafen. Überall an den Wänden die nationalsozialistischen Embleme, mitten auf dem Hof ein riesiges Hoheitszeichen, von den Amerikanern kaum beachtet. Nirgends Bilderstürmerei.

4. Mai 1945. Frühmorgens gingen wir an die Hauptstraße, am großen See Kaffee kochen, etwas essen und vor allem, um zu hören, was nun weiter über unser Schicksal von Seiten der Amerikaner beschlossen sei. Nach dieser Richtung war nichts Positives zu erfahren. Zwar schwirrten die wildesten und unsinnigsten Gerüchte in der Luft über Abtransport in die Heimat, Verpflegung usw., doch nichts geschah. Wir blieben uns vollkommen selbst überlassen... Wir überlegten den ganzen Tag, was wir tun sollten: bleiben und der Dinge warten, die da kommen sollten, oder auf eigene Faust in Richtung Heimat marschieren. Zunächst entschieden wir uns fürs Bleiben, da mittags Lautsprecherwagen alle ausländischen Häftlinge aufforderten, sich in einer bestimmten Kaserne einzufinden. Abends gingen wir wieder in die Kaserne schlafen.

5. Mai 1945. Frühmorgens ging es wieder an den See, Waschen, Kochen, Rasieren waren die Haupttätigkeiten und Warten, warten auf die Dinge, die da kommen sollten. Das Schlimmste war, dass keine Möglichkeit der Nachrichtenübermittlung nach Hause bestand. Die brennende Sehnsucht, den Lieben zu Hause Nachricht zu geben, dass man noch lebt, all das Entsetzliche, Qualvolle und Bestialische der vertierten SS glücklich überstanden zu haben, lastete schwer auf uns allen, doch daran war nichts zu ändern. Es galt, sich mit Geduld zu wappnen und weiter auf unser Glück zu vertrauen...

Am nächsten Tag traf Johann Dötsch wieder die Kameraden, mit denen er einige Tage zuvor nach Schwerin aufgebrochen war. Zusammen beschlossen sie, auf eigene Faust in die Heimat zurückzukehren. Dazu mussten sie die Elbe überqueren. Das erwies sich aber als unmöglich. So gaben sie ihren Plan zunächst auf und blieben im Dorf Dümmer, bei einer Familie Hahn.

7. Mai 1945... Aber schon im nächsten Dorf Dümmer fand unsere Wanderung ein Ende, da vor dem nächsten Dorf die Straße nach Wittenburg auch gesperrt war. Es verlautete, dass an den Elbübergängen die Trecks sich stauten, weil die meisten Brücken zerstört und die noch vorhandenen für den Nachschub gebraucht wurden. Im Dorf lagerten schon einige Trecks mit Flüchtlingen, die alle über die Elbe wollten. Suchau und ich gingen auf die Quartiersuche. Gleich im ersten Haus hatten wir Glück. Bei einer Familie Karl Hahn bekamen wir einen gedeckten Holzschuppen als Nachtquartier. Die nette Frau stellte Stroh und Matratzen zur Verfügung. Sie wartete auch auf ihren Mann, der in Hammerfest in Nordnorwegen bei der Marine stand. Gleich gings ans Kochen. Dicht hinter dem Garten unseres Quartiers war herrlicher Buchenholzwald. Dort brutzelten und kochten wir... Das Wetter war herrlich geworden und wir hatten Ruhe. Ruhe, Ruhe, die so lang ersehnte Ruhe. Abends legten wir uns beruhigt und satt schlafen.

Mittlerweile war der Zweite Weltkrieg durch den Abschluss des Waffenstillstandes am 7. Mai - mit Wirkung von 8. Mai 1945 um 23 Uhr - auch formell beendet.

8. Mai 1945. Das Leben in unserem Quartier spielt sich ein... Inzwischen haben wir uns angemeldet und konnten Brot, Milch und Butter aus der Molkerei kaufen. Ich habe nur eine Sorge, dass mir mein Hüftgelenk einen Streich spielt. Die Überanstrengung hat anscheinend eine Sehnenzerrung hervorgerufen. Aber wir werden noch einige Tage bleiben müssen, da wird sich die Zerrung wohl geben, ebenso die entsetzliche körperliche Schlaffheit.

9. Mai 1945. Das Leben geht weiter. Sperre noch nicht aufgehoben. Morgens Frühstück. Brot, Butter und jeder ein Ei. Mittags Erbsen mit Speck, abends Eierpfannkuchen mit Tee. Nach dieser Richtung haben wir also keinerlei Klagen. Abends bat uns Frau Hahn zu einem kleinen Schwatz und einer Tasse Tee in die Küche. Zum ersten Mal nach fast sechs Jahren an einem sauberen Tisch mit netten, lieben Menschen zusammen bei einer Tasse Tee und einer Zigarette. Nach den Jahren des Grauenvollen in den Mörderhänden der SS in überfüllten Baracken mit oft sehr zweifelhaftem Gesindel. Die letzten vier Monate dauernd unter Hunger leidend. Es gab täglich nur einen Liter Steckrübenwassersuppe und 200 Gramm Brot, bei 11stündiger Arbeitszeit und vorher einer Stunde Appell. Und doch kommt jetzt keine himmelstürmende Freude auf. Der Körper ist zu abgehetzt und zum Skelett abgemagert. Ich hoffe sehr, dass mit zunehmender körperlicher Erstarkung auch die Lebensgeister wieder erstarken. Vorläufig heißt es abwarten. Wenn nur erst die Post ginge, damit man endlich Nachricht geben könnte.

Wenn auch der Krieg zu Ende war und die KZ-Häftlinge frei waren, so konnte Johann Dötsch noch längst kein normales Leben führen - ganz abgesehen davon, dass er in einem Holzschuppen in einem mecklenburgischen Dorf lebte und nicht zu Hause in Koblenz-Metternich. Er war gezeichnet von der fast sechsjährigen KZ-Haft, dem Hunger, den Qualen, den Demütigungen und zuletzt dem Todesmarsch. Er rang in jenen Tagen und Wochen um Normalität. Dazu gehörten eine gesunde und ausreichende Ernährung, Ruhe und Erholung. Dazu gehörten aber auch eine intellektuelle Verarbeitung, Bewältigung der erlittenen Haft und ihrer Folgen. Hierbei half ihm das Tagebuch, mit dem er über den Todesmarsch und die erste Zeit danach berichtete, mit dem er sich „freischrieb“. Ihm vertraute er auch politische Einschätzungen an, die in ihrer Weitsichtigkeit teilweise auch heute noch überraschen.

16. Mai 1945 ...Abends gabs die erste Zeitung. Endlich einmal eine klare Nachricht über das weltgeschichtliche Geschehen. Nie haben wir gieriger nach einer Zeitung gegriffen. Wie man immer erwartet hat, ist die ganze Bande im letzten Augenblick ausgerückt oder hat Selbstmord begangen. Doch die Allermeisten werden ihrer verdienten Strafe nicht entgehen. Oft frage ich mich, warum wir selbst nicht an unseren Peinigern Rache genommen haben, als ihre Macht vorbei war an jenem für uns so denkwürdigen Abend des 2. Mai. Der Grund lag wohl darin, dass wir physisch viel zu erschöpft waren, um Vergeltung zu üben, doch ich bin sicher, die Vergeltung für ihre furchtbaren Verbrechen wird auch den letzten Schuldigen zu finden wissen. Im Gespräch mit den zahlreichen Flüchtlingen hört man immer wieder die panische Angst vor dem „Iwan“ und von den brutalen Untaten an deutschen Frauen. Ganz selten kann ein Flüchtling Selbsterlebtes berichten. In den allermeisten Fällen wird nur vom Hörensagen berichtet. Nie finde ich einen Flüchtling mit reifen politischen Gedanken, nie einen, der auch nur mit einem Gedanken an die grässlichen Untaten der SS in Polen, der Ukraine und in allen besetzten Teilen Europas denkt. Niemand denkt an die Millionen Menschen aus allen Ländern Europas, die von den Nazis als Sklaven nach Deutschland getrieben wurden und dort unter unwürdigsten Bedingungen zur Arbeit gepresst wurden. Niemand denkt an die hunderttausende Kinder von 13 und 14 Jahren, die ebenso wie Erwachsene nach Deutschland verschleppt wurden. Wenn diese Kinder dann vom Heimweh getrieben ausrissen und planlos ostwärts irrten, wurden sie ergriffen und in die KZ gesteckt. Wir hatten über 500 von diesen Kindern im Lager. An all das denkt der deutsche Spießer nicht. Er hat nur Gefühl für seine eigene Not und eine panische Angst vor seiner Verschickung nach Sibirien... Deshalb wollen die Allermeisten nicht in die von den Russen besetzten Gebiete zurück, alles will zu den Amerikanern. Wie das gehen soll und dass das unmöglich ist, bedenkt der Spießer nicht. Er glaubt, wenn er jetzt reichlich auf Hitler schimpft, vollauf seine Pflicht getan zu haben. Das deutsche Volk wird sich noch sehr wundern, die Strafe der Sieger wird diesmal fürchterlich sein und wir haben kein Recht, uns zu beklagen. Die Schuld des deutschen Volkes ist zu groß.

Johann Dötsch blieb weiter in Dümmer, zunächst um wieder zu Kräften zu kommen, später wegen der schwierigen Nachkriegsverhältnisse. Sein Tagebuch, das in der Folgezeit nicht mehr so ausführlich ist, endet im August 1945:

Jede Woche fuhr ich einmal nach Schwerin. Das so genannte Häftlingskomitee hat sich als völlig unbrauchbar erwiesen für unseren Heimtransport. Jetzt setze ich meine Hoffnung auf ein französisches Hilfslazarett, das zurückgebliebene Ausländer, meist Franzosen, heim befördert. Der Leiter will versuchen, für uns politische Häftlinge aus dem Westen, Ausländerpässe zu beschaffen. Hoffen wir, dass es glückt.

Sein Tagebuch blieb zunächst bei der Familie Hahn in Dümmer. „Entdeckt“ wurde es anlässlich der 750-Jahrfeier des Ortes. Dann gelangte es in das Archiv der Bezirksleitung der SED in Schwerin und nach der Einigung ins Landesarchiv Schwerin. Dort wurde man im Zuge des 50. Jahrestages des Kriegsendes auf das Tagebuch aufmerksam. Jahre später entdeckte man es in Johann Dötschs rheinischer Heimat: Dötschs inzwischen über 80jähriger Pflegesohn Fritz Görgen vertraute des dem Verfasser im Rahmen dessen Forschungen über Opfer des Nationalsozialismus in und aus Koblenz an. Aus Anlass der 75. Wiederkehr des Kriegsendes und der Befreiung vom Faschismus wird es hier durch das Internet einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt.

 

Abbildung 7: Gedenkstein entlang der Routen des Todesmarsches vom KZ Sachsenhausen aus.

 

Weiterführende Hinweise:

Wenn Sie mehr über Johann Dötsch erfahren wollen, dann klicken Sie HIER auf seine Biografie auf dieser Homepage sowie HIER auf den Vortrag über ihn von Joachim Hennig.

Speziell zum Todesmarsch vom KZ Sachsenhausen ist empfehlenswert die Publikation von Kurt Redmer: Vergesst dieses Verbrechen nicht! Der Todesmarsch KZ Sachsenhausen –Schwerin 1945 (Ingo Koch Verlag. Rostock ISBN 3-935319-10-X).

Mehr über das KZ Sachsenhausen finden Sie in Monografien über das Konzentrationslager, etwa im Nachschlagwerk: Wolfgang Benz/Barbara Distel (Hg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Band 3 (Sachsenhausen und Buchenwald), 2006, zu Sachsenhausen ab S. 15 ff.

Und schließlich zur Räumung der Konzentrationslager allgemein:

Karin Orth: Das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager, 1999, S. S. 270 ff. und

Daniel Blatman: Die Todesmärsche – Entscheidungsträger, Mörder und Opfer, in: Ulrich Herbert/Karin Orth/Christoph Dieckmann (Hg.): Die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Entwicklung und Struktur, 2 Bände, Band II, 1998, S. 1063 ff.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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