Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

Der 27. Januar 2012

 

Der Förderverein Mahnmal Koblenz zum Gedenktag
an die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz am 27. Januar 2012

Wie jedes Jahr erinnerte der Förderverein Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz in Kooperation mit der Christlich-Jüdischen Gesellschaft für Brüderlichkeit und der Stadt Koblenz an die NS-Opfer aus Koblenz. Im Mittelpunkt der diesjährigen Veranstaltungen zum nationalen Gedenktag am 27. Januar 2012 stand die Opfergruppe der Juden. Sie traf zahlenmäßig und von der Schwere der Maßnahmen her die weitaus schlimmste Verfolgung. Konkreter Anlass für das Erinnern an sie sind zwei Jahrestage: Am 20. Januar jährt sich zum 70. Mal die sog. Wannsee-Konferenz und am 22. März ebenfalls zum 70. Mal die erste Deportation von Juden aus Koblenz und Umgebung.

Die Konferenz am Großen Wannsee in Berlin bereitete den Völkermord an den europäischen Juden, den Holocaust oder die Shoa wie man ihn auch nennt, vor. Auf ihr wurde nicht der Massenmord beschlossen – das geschah höchstwahrscheinlich durch einen nicht mehr auffindbaren Befehl Hitlers im Spätsommer/Frühherbst 1941. Vielmehr wurde auf ihr die Organisation in groben Zügen besprochen. Heydrich, Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD), berief diese Sitzung ein, zu der Vertreter aller „zuständigen“ Behörden erschienen waren: das Außenministerium, die Ministerien für Justiz und Inneres, das Amt für den Vierjahresplan, die Reichskanzlei und die Funktionäre der einzelnen SS-Dienststellen. Zunächst betonte Heydrich, die „Federführung bei der Bearbeitung der Endlösung der Judenfrage liege ohne Rücksicht auf geografische Grenzen zentral beim Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei (Himmler)“. Diese Kompetenz ging auf die schriftliche Ermächtigung Görings an ihn vom 31. Juli 1941 zurück, „alle erforderlichen Vorbereitungen (…) zu treffen für eine Gesamtlösung der Judenfrage“. In verschleiernder, grauenhaft beschönigender Sprache legte Heydrich den 15 Teilnehmern der Konferenz dar, wie der Völkermord an 11 Millionen Juden in ganz Europa organisiert würde. Die Juden sollten danach „in geeigneter Weise im Osten zum Arbeitseinsatz“ kommen, „wo zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird. Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird“ – so Heydrich weiter -, „da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen, da dieser, eine natürliche Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaus anzusprechen ist.“

Auch die regionale Zeitfolge wurde festgelegt. Heydrich dazu: „Im Zuge der praktischen Durchführung der Endlösung wird Europa von Westen nach Osten durchgekämmt. Das Reichsgebiet einschließlich Protektorat Böhmen und Mähren wird, allein schon aus Gründen der Wohnungsfrage und sonstigen sozialpolitischen Notwendigkeiten vorweggenommen werden müssen. Die evakuierten Juden werden zunächst Zug um Zug in so genannte Durchgangsghettos verbracht, um von dort aus weiter nach dem Osten transportiert zu werden.“ Auch wurde der Personenkreis festgelegt, wobei hinsichtlich der in Mischehen lebenden Juden noch keine endgültige Entscheidung getroffen wurde. Die anwesenden Vertreter der Ministerien nahmen die Ausführungen ohne jeden Widerspruch zur Kenntnis.

Damit war die Vernichtung von Millionen Menschen – nur weil sie anders waren als die „Herrenmenschen“ der Nazis - auf den Weg gebracht. Es begann der Höhepunkt des menschenverachtenden Antisemitismus, der jahrzehntelang zuvor geschürt worden war und der seit der Machtübernahme der Nazis immer brutaler und umfassender in die Tat umgesetzt wurde.

Schon einige Wochen nach dem 30. Januar 1933 gab es die ersten Ausschreitungen gegen Juden. Am 1. April 1933 rief die NSDAP zum Boykott „jüdischer Geschäfte, jüdischer Waren, jüdischer Ärzte und jüdischer Rechtsanwälte auf“. Dem Terror der Straße folgte der Terror der Gesetze und der Bürokratie. Mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 wurden die meisten Beamte „nicht-arischer Abstammung“ in den Ruhestand versetzt, eine Woche später verloren viele jüdische Rechtsanwälte ihre Zulassung. Eine Flut von weiteren Gesetzen und „Durchführungsverordnungen“ schloss sich an: Juden durften keine Kassenärzte mehr sein, für jüdische Studenten galten Zulassungsbeschränkungen, jüdischen Dozenten und Arbeitern und Angestellten im öffentlichen Dienst wurde gekündigt, Juden durften keine Steuerberater mehr werden und konnten nicht mehr Vorgesetzte in der Wehrmacht sein. Kein Jude durfte mehr Redakteur oder ständiger Mitarbeiter einer Zeitung oder Zeitschrift sein. Juden wurden aus Sportclubs, von der Benutzung von Sportplätzen und Schwimmbädern ausgeschlossen. Überall gab es Schilder: „Juden sind hier unerwünscht!“ oder gar: „Hunden und Juden ist der Zutritt verboten!“.

Nach einer neuen Welle antijüdischer Hetze in der NS-Presse ergingen dann am 15. September 1935 die infamen „Nürnberger Rassengesetze“. Das „Reichsbürgergesetz“ erfand den Begriff des „Reichsbürgers“. Nur er sollte die vollen Bürgerrechte haben und diese waren den „Ariern“ vorbehalten. Die Juden waren nur noch „Staatsbürger“ – Bürger zweiter Klasse. Zugleich wurden die letzten jüdischen Beamten aus ihrem Amt entfernt. Das so genannte „Blutschutzgesetz“ erfand den Straftatbestand der „Rassenschande“. Danach war die Eheschließung und auch der außereheliche Geschlechtsverkehr zwischen Juden und „Ariern“ unter Strafe gestellt. Alsbald durften Juden eine Vielzahl von Berufen nicht mehr ausüben – und wenn, dann nur noch für ihre jüdischen Mitbürger.

Ende 1937 ging die „Schonfrist“ auch für die jüdischen Firmen und Banken zu Ende. Göring gab die Parole aus: „Die Juden müssen jetzt aus der Wirtschaft raus!“ Es begann die große Welle der „Arisierungen“, der mehr oder minder noch freiwillige Verkauf jüdischer Firmen und Geschäfte an „Arier“. Schon bald musste jeder Jude sein gesamtes in- und ausländisches Vermögen anmelden und durfte über sein Eigentum nur noch mit Genehmigung der Regierung verfügen.

Im Sommer 1938 ergingen weitere Berufsverbote mit der Folge, dass sich ein Jude kaum noch in der Wirtschaft betätigen konnte. Zur gleichen Zeit wurde die besondere Kennkarte für Juden und die Verpflichtung zur Annahme des zusätzlichen jüdischen Zwangsvornamens „Sara“ bzw. „Israel“ verordnet.

Am 9. November 1938 inszenierte Goebbels zusammen mit der SA, der SS und der Gestapo das, was man heute „Reichspogromnacht“ nennt. Überall im Reich brannten die Synagogen. Am 11. November lag das offizielle Zwischenergebnis vor: 815 zerstörte Geschäfte, 29 in Brand gesetzte oder zerstörte Warenhäuser, 171 in Brand gesetzte oder zerstörte Wohnungen. 191 Synagogen waren in Brand gesteckt, 76 weitere vollständig demoliert. Dazu kamen Gemeindehäuser, Friedhofskapellen und andere jüdische Einrichtungen. Die endgültigen Zahlen lagen sehr viel höher. Fast 100 Juden waren ermordet worden, noch mehr hatten Verletzungen erlitten. 20.000 bis 30.000 Männer verschleppte man in die Konzentrationslager. Es war der Übergang von der Ausgrenzung und Diskriminierung der Juden zu ihrer völligen Entrechtung und Vernichtung - dem Holocaust, der Shoa.

Wenige Tage später erließ Göring mehrere Verordnungen, mit denen die Juden nicht nur völlig aus dem Wirtschaftsleben ausgeschlossen wurden, sondern auch noch für den gegen sie gerichteten Pogrom zahlen mussten: Die Versicherungssummen für Schäden durch den Pogrom wurden nicht den jüdischen Versicherungsnehmern ausgezahlt, sondern zugunsten des Deutschen Reiches beschlagnahmt. Aufgrund einer Verordnung zur „Wiederherstellung des Straßenbildes“ mussten alle Juden die entstandenen Schäden an ihren Geschäften und Wohnungen auf eigene Kosten beseitigen lassen. Allen deutschen Juden wurde eine Kollektivstrafe von einer Milliarde Mark auferlegt.

In den nächsten Tagen und Wochen ging ein Hagel neuer diskriminierender Verordnungen auf die Juden nieder. So wurden beispielsweise alle Juden von staatlichen Schulen und Universitäten ausgeschlossen, auch war der Besuch von Theatern, Konzerten, Museen, Sportplätzen und Bädern verboten. Immer neue Gemeinheiten ersannen die Bürokraten, etwa das Verbot, Haustiere zu halten. Der Mieterschutz für Juden war weitgehend aufgehoben. Wenn man ihnen kündigte, mussten sie in so genannte Judenhäuser umziehen.

Ab September 1941 musste jeder Jude vom 6. Lebensjahr an einen gelben Stern auf der Kleidung aufgenäht tragen. Damit war die öffentliche Demütigung und Brandmarkung vollkommen. Die Überwachung der verfolgten Minderheit wurde perfekt mit dem gleichzeitig erlassenen Verbot, den Wohnort ohne Genehmigung zu verlassen. Damit waren die Grundvoraussetzungen für die sich dann anschließende Deportation der Juden „nach dem Osten“ geschaffen. Nach und nach waren aus den Nachbarn Juden geworden und aus den Juden dann keine Menschen, sondern - wie der oberste Parteirichter der NSDAP bereits 1938 sagte – eine „Fäulniserscheinung“.

Ansatzweise erfahrbar wird diese Entwicklung von der Entrechtung zur Verfolgung und Vernichtung anhand von Einzelschicksalen Koblenzer Juden. Deshalb präsentiert der Förderverein Mahnmal Koblenz zum 27. Januar 2012 wieder beispielhaft die Biografien von 11 Koblenzer Einzelpersonen und Familien, die dieses Schicksal hier erlebt und erlitten haben und dann im Zuge der Wannsee-Konferenz „nach dem Osten“ deportiert und vielfach ermordet wurden.

Die Gedenkveranstaltungen begannen am Freitag, dem 27. Januar 2012, um 17.30 Uhr mit einer Statio am Mahnmal für die NS-Opfer aus Koblenz auf dem Reichensperger Platz. Während Oberbürgermeister Prof. Hofmann-Göttig die Namen verlas, brachten Schülerinnen und Schüler der Diesterwegschule und der Hans-Zulliger-Schule Biografien der Opfer an dem
Mahnmal an. Anschließend, gegen 18.00 Uhr, fand dann die Gedenkstunde in der Christuskirche mit interkonfessionellem Gebet statt. Abgerundet werden die Veranstaltungen durch die Ausstellung der Deutschen Bahn AG „Sonderzüge in den Tod – Die Deportationen mit der Deutschen Reichsbahn“, die noch bis zum 31. Januar 2012 jeweils Dienstag bis Sonntag von 10 bis 16 Uhr im DB Museum Koblenz-Lützel in der Schönbornsluster Straße 3 gezeigt wird.

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Eichendorff-Gymnasium in Koblenz nun UNESCO-Projektschule

Am 13. Juni 2012 wurde das Eichendorff-Gymnasium in Koblenz nach jahrelangem Engagement für die Ziele und Leitlinien der UNESCO und der UNESCO-Projekt-Schulen als UNESCO-Projekt-Schule aufgenommen. In einem feierlichen Akt in der Aula des Gymnasiums, der von der UNESCO-Beauftragten der Schule Annette Palfalvifeierlich und doch kurzweilig organisiert wurde, präsentierte sich die Schule in ihrer ganzen Vielfalt. Umrahmt von einem breit gefächerten musikalischen Programm begrüßte die stellvertretende Schulleiterin Frau Dammann die Gäste und die Schulgemeinschaft. Grußworte sprachen der Kulturdezernent der Stadt Koblenz Detlef Knopp und der Landeskoordinator für die UNESCO-Projekt-Schulen in Rheinland-Pfalz Herr Wyrobisch, Trier. Den Festvortrag hielt der stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins Mahnmal Koblenz Joachim Hennig mit dem Thema: „Anerkennung und Erwartung“. Darin befasste er sich mit Aspekten der Gedenkarbeit der Schulen und in den Schulen. Der Höhepunkt der Veranstaltung war die Überreichung der Urkunde zum Anerkennung als UNESCO-Projekt-Schule durch den Bundeskoordinator der UNESCO-Projekt-Schulen Herrn Hörold, Berlin.
Der Festvortag von Joachim Hennig wird, da er für Schulen jedenfalls in Koblenz und Umgebung von allgemeinem Interesse sein sollte, nachfolgend mit zwei Fotos von der Veranstaltung wiedergegeben.

Anerkennung und Erwartung
Vortrag in der Feierstunde zur UNESCO-Urkundenüberreichung
im Eichendorff-Gymnasium in Koblenz
am 13. Juni 2012
von Joachim Hennig

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler,

ich freue mich, heute Mittag zur Feierstunde für die Anerkennung des Eichendorff-Gymnasiums als UNESCO-Projektschule gewisser-maßen die Laudatio sprechen zu dürfen. Es ist ein guter Tag für Ihre Schule, für die Schulleitung, für die Lehrerschaft und für die Schüle-rinnen und Schüler. Viele der hier Anwesenden und auch früher hier tätige Lehrer und Schüler haben zu dieser Anerkennung in diesem und in jenem Bereich mit ihren ganz individuellen Fähigkeiten und Möglichkeiten beigetragen. Die Aufgabenstellung der UNESCO-Schulen ist breit gefächert. Fünf Ziele sind es: Menschenrechtsbildung und Demokratieerziehung, Interkulturelles Lernen, Umwelterziehung, Globales Lernen und schließlich UNESCO-Welterbe-Erziehung.
Diese fünf „Säulen“ stehen nicht beziehungslos nebeneinander. Vielmehr gehören sie zusammen und bilden die Grundlage für ein gemeinsames großes und imposantes Haus – für ein Haus des Friedens, erbaut auf Bildung und nachhaltiger Entwicklung – vor allem durch Menschen und für Menschen, die sich diesen Zielen verschrieben haben. Das Eichendorff-Gymnasium in Koblenz gehört jetzt auch zu diesem UNESCO-Haus, die Schule war bisher schon eine Stütze und soll und wird eine Stütze für dieses Haus auch weiterhin sein.

Die am Ende der Feierstunde verliehene Urkunde ist eine Anerken-nung für die in den letzten Jahren so engagiert und erfolgreich geleistete Arbeit. Ich selbst habe als Außenstehender nur kleine Ausschnitte dieser vielfältigen und geradezu globalen Arbeit miterlebt. Schon diese zeugt von einem sehr engagierten, fachkun-digen und auch empathischen Einsatz für die Ziele der UNESCO.

Mein erster nachdrücklicher Kontakt mit dem Eichendorff-Gymna-sium ergab sich im Rahmen der Gedenkveranstaltungen zum 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Das war im Jahr 2005. Wir vom Förderverein Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz hatten zum 27. Januar 2005 eine eigene Ausstellung mit 16 Biografien von NS-Opfern aus Koblenz und Umgebung erarbeitet. Wir zeigten sie unter dem Titel: „Es war eine Fahrt durch die Hölle“ in der Sparkasse Koblenz. Im Vorfeld der Ausstellung hatten Sie, liebe Frau Ruth Stein, Kontakt zu mir aufgenommen. Sie waren mit einer Gruppe Schülerinnen und Schülern im Sommer 2004 anlässlich einer Studienfahrt eine Woche lang in der Gedenkstätte Auschwitz gewesen. Die dort gewonnenen Eindrücke wollten die Schülerinnen und Schüler, die sich inzwischen zu einer Projektgruppe zusammengefunden hatten, in Worten, Bildern und in einer Inszenierung artikulieren. Für die Ausstellung entstand ein „Stolperschienenband“ der Projektgruppe, das wir wie auch die Projektgruppe insgesamt in die Ausstellung integrierten.

Das zog dann – was bei gelungenen Projekten öfter geschieht – weiteres nach sich. Schon bald regte das Eichendorff-Gymnasium in einem Schreiben an den damaligen Oberbürgermeister Dr. Schulte-Wissermann die Verlegung von „Stolpersteinen“ in Koblenz an. Das war in gewisser Weise die Fortentwicklung und Perfektionierung des schulischen „Stolperschienenbandes“. Die Verlegeaktion für Stolper-steine war damals nicht ganz neu. Es gab sie schon in zahlreichen Städten. Aber für Koblenz und für das nördliche Rheinland-Pfalz war damals diese Idee schon neu. Ich erinnere mich noch gut, wie wir in einer Gruppe von Mitgliedern des Stadtrates und engagierter Bürger bei Ihnen, lieber Herr Knopp, zusammen saßen und das Für und Wider und die Einzelheiten einer solchen Aktion hier in Koblenz wiederholt besprachen.

Am 27. Januar 2007 war es dann soweit. Unter Federführung der Christlich-Jüdischen Gesellschaft für Brüderlichkeit Koblenz und zusammen mit dem Förderverein Mahnmal Koblenz und unter Mithilfe der Stadt Koblenz wurden die ersten 19 Stolpersteine hier verlegt. Es war und ist ein gutes Beispiel für schulische und außer-schulische Zusammenarbeit vor Ort. Denn diese Aktion des Kölner Künstlers Gunther Demnig hat inzwischen „Schule“ gemacht. Bis jetzt gab es fünf Stolperstein-Aktionen, zurzeit sind 79 „Stolper-steine“ in den Bürgersteigen von Koblenz verlegt. Am 7. Juli dieses Jahres findet die nächste, die 6. Verlegaktion statt.

Gute Kooperation ist keine Einbahnstraße. So ist es inzwischen eine kleine Tradition geworden, dass die Schule im evangelischen Religionsunterricht ein Shoa-Projekt durchführt. Dabei setzen Schülerinnen und Schüler der 10. Klasse das ihnen zuvor nahe gebrachte Thema für Schülerinnen und Schüler der 6. Klasse altersgerecht um. Das geschieht u.a. durch Ausstellungen, in die Tafeln der Dauerausstellung des Fördervereins Mahnmal Koblenz – von denen es inzwischen 94 Tafeln gibt – einbezogen werden.
Nicht nur in der Schule findet diese Bildung statt, sondern auch an außerschulischen Lernorten. Die Studienfahrten in die Gedenkstätte Auschwitz habe ich schon erwähnt. Ich weiß aber auch, dass Schul-klassen in die Gedenkstätte nach Hadamar bei Limburg fahren, in der an die sog. „Euthanasie“-Opfer der Nationalsozialisten sehr eindrucksvoll und authentisch erinnert wird. Hierbei und bei der Gedenkarbeit in und um Koblenz werden auch immer wieder Informationen von der Homepage des Fördervereins Mahnmal Koblenz abgerufen. Sie ist – übrigens weltweit – eine Fundgrube und hatte erst vor wenigen Wochen den 400.000 Besucher.

Erst kürzlich beschäftigte sich eine Schülerin der Schule in einer Facharbeit in Sozialkunde mit der Gedenkarbeit vor Ort. Unter dem Titel „Denkmal oder Mahnmal? Orte, die in Koblenz auf die Verbrechen der Nationalsozialisten aufmerksam machen“ berichtete Mona Lambert über die Geschichte und Bedeutung des Mahnmals für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz und der „Stolpersteine“. Abschließend kommt sie zu dem Ergebnis:

Heutzutage wird für die Gedenkarbeit sehr viel getan. Hauptsächlich Ehrenamtliche kümmern sich um die Realisierung von neuen Gedenkstätten. Meiner Meinung nach wird diese Arbeit viel zu wenig geschätzt und geachtet. Die Resonanz ist so unterschiedlich wie die einzelnen Projekte es sind. Man könnte die Thematik etwas öffentlicher machen, indem man beispielsweise Schlussklassen sich damit beschäftigen ließe. (…) Wenn sich Kinder und Jugendliche schon früh mit ihrer Herkunft und Geschichte befassen und Missstände aufdecken, kann nachhaltig etwas am Verhalten geändert werden.

Es ist sicherlich eine Aufforderung und Mahnung an ihre Altersgruppe und an die eigene und an andere Schulen. Diese Einschätzung ist auch vor dem Hintergrund ihrer Erfahrung anlässlich der Veranstaltung am 27. Januar 2012 am Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz zu sehen. Sie schreibt:

Ich persönlich bin (…) schockiert über die geringe Teilnehmerzahl der Statio. Wenn man bedenkt, dass Koblenz 106.000 Einwohner und einen noch größeren Einzugskreis hat, scheint die Zahl 100 erschreckend klein. (…) Ebenso auffallend war, dass ein Großteil der Teilnehmer nicht aus jungen Menschen, sondern aus schon älteren Personen bestand. (…) Ich war mit Abstand die Jüngste.

Soweit Mona Lambert und ihre hier kürzlich entstandene Facharbeit. Sie beschreibt sicherlich ein gesellschaftliches Problem, das nicht auf die Gedenkarbeit beschränkt ist. Mich schmerzt es aber gerade in diesem Bereich, weil es dabei um Menschen und um die Erinnerung an sie und um die Mahnung an uns geht. Das hat schon eine andere Qualität als Aktivitäten im Sport- oder Gesangverein. Bei der Gedenkarbeit steht immer das bekannte Wort inmitten: „Ein Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.“

Damit wären wir bei den selbst gesteckten und von außen an die Schule herangetragenen Erwartungen, die an die Anerkennung als UNESCO-Projektschule geknüpft sind.

Sicherlich ist man nicht schlecht beraten, wenn man die bisherige gute und erfolgreiche Arbeit fortsetzt und intensiviert. Dazu gehören die Fahrten zu außerschulischen Lernorten. Einzigartig unter ihnen ist selbstverständlich die Gedenkstätte Auschwitz, der größte Fried-hof in der Geschichte der Menschheit, das Synonym für Unmensch-lichkeit, Völkermord, Rassenwahn und Intoleranz. Wichtig sind aber auch die Erinnerungs- und Gedenkorte in der Region wie die Gedenkstätte in Hadamar. Aber wie ist es um etwa um die Burg Stahleck oberhalb von Bacharach bestellt, die in der NS-Zeit nicht nur Jugendherberge war. Oder um das KZ-Außenlager Dernau an der Ahr, in dessen Tunnelanlagen Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald Hitlers Geheimwaffe V2 montieren mussten? Was weiß man von diesen regionalen Stätten der Verfolgung?

Aber auch in Koblenz selbst gibt es Erinnerungsorte, an denen Geschichte und Biografien plastisch werden können. Leider existiert kein authentischer Ort aus jener Zeit mehr. Zu meinem großen Bedauern gibt es auch keinen Ort, wo man ein präsentes Angebot zur Gedenkarbeit findet. Andere Städte haben ein NS-Dokumentations-zentrum - wir haben nichts davon, nicht einmal eins im Kleinformat.

Aber wir haben wenigstens die „Stolpersteine“. Wenn ich mich in der Umgebung der Schule umschaue, fallen mir auf Anhieb mehrere Verlegeorte ein: am Friedrich Ebert-Ring Nr. 8 die Stolpersteine für die kleine jüdische Familie Salomon, den Rechtsanwalt Dr. Arthur Salomon, seine Frau Alma und deren Tochter Ruth, die mit der 1. Deportation von Koblenz aus „in den Osten“ und in den Tod ver-schleppt wurden. Oder dann an dem ARAG-Haus um die Ecke in der Neustadt Nr. 23 der Stolperstein für Richard Christ, Kommunist, Buchhändler und 1. Vorsitzender des Schachclubs Koblenz, der hier sofort nach dem Reichstagsbrand inhaftiert, dann in die Emsland-lager verschleppt und dort weiter gequält wurde, so dass er bald darauf an den Misshandlungen starb. Oder in der Neustadt ein bisschen weiter, am Deinhardplatz 4. die Stolpersteine für das alte jüdische Ehepaar Landau, für Edwin und Julie Landau,. Die alte Dame hatte sich vor der drohenden Deportation das Leben genommen. Und schließlich von hier schräg gegenüber in der Mainzer Straße Nr. 10 die beiden Stolpersteine für den jüdischen Rechtsanwalt Dr. Isidor Treidel und seine Ehefrau Erna. Beide wurden erst in das KZ Theresienstadt und von dort in das Vernich-tungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Allein ihre beiden Kinder Helga und Fritz Treidel überlebten, weil sie mit einem Kindertrans-port nach England gerettet werden konnten. Alle diese Schicksale sind gut und ausführlich dokumentiert – sogar auf der Homepage des Fördervereins Mahnmal Koblenz. Unser Förderverein sucht im Übrigen Paten für die Stolpersteine in Koblenz – damit diese geputzt werden – vor allem aber, damit sich junge Leute für die Schicksale dieser Menschen interessieren.

Apropos Fritz Treidel. Er war der letzte jüdische Schüler, der an dieser Schule noch Abitur hatte machen können. In den 1980er Jahren kam in Schweden eine Bewegung von sog. Hobbyhistorikern auf. Ihr Motto, das mich in meiner Gedenkarbeit beeinflusst hat, lautete: „Grabe da, wo Du stehst.“ Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass bei Ihnen im Haus noch jede Menge Schulakten aus der NS-Zeit, gerade auch Schülerakten, lagern – im Keller oder auf dem Dachboden, oder sonst wo. Das ist eine Riesenchance, um authen-tische Informationen aus dieser Zeit zu erlangen und gerade auch um Biografien zu erarbeiten, zumal von jüdischen Schülern. Vielleicht sind noch einige dieser ehemaligen Schüler am Leben und stellen sich als Auskunftspersonen zur Verfügung – oder ihre Kinder. Das wäre das viel zitierte forschende Lernen, oder wie der in Bad Ems geborene Widerstandskämpfer, Sozialist und Reformpädagoge Adolf Reichwein es nannte: „Lernen mit Herz, Hand und Verstand.“ Dabei kann die heutige Schülergeneration Menschen aus Koblenz in anderen Ländern und Lebenswelten kennen lernen, denn diese Menschen und ihre Eltern sind seinerzeit vor dem Holocaust ins Ausland geflüchtet.

Wichtig ist auch eine Vernetzung von engagierten Menschen vor Ort. Ich kann nur auch hier wieder meine Kooperation anbieten.

Es ist nicht zu leugnen: Die Gedenkarbeit und die Erinnerungskultur befinden sich heutzutage in einem Umbruch. Die Zeitzeugen stehen kaum noch zur Verfügung. Der Vorsitzende der jüdischen Kultus-gemeinde Dr. Heinz Kahn hat vor zwei Monaten seinen 90. Geburts-tag gefeiert. Der letzte in Koblenz überlebende Jude Werner Appel wird nächstes Jahr 85 Jahre alt. Der Sinto Daweli Reinhardt wird in einem Monat 80 Jahre alt. Was kommt nach ihnen? Über und mit Dr. Kahn und Werner Appel gibt es einen Film, über Daweli Reinhardt ein Buch. Das kann in Grenzen die Erinnerung wach halten – mehr aber auch nicht. Die Lebensgeschichte dieser Menschen ist aktuell kaum noch im Gespräch erfahrbar, ihr Leben und ihre Geschichte treten aus der Zeitgeschichte heraus und werden zur allgemeinen Geschichte. Das ist nicht zu ändern, aber man muss darauf reagieren.

Zugleich ändert sich das Freizeit-, Seh- und Lernverhalten der jungen Generation. Vom Internet war schon wiederholt die Rede. Weitere Stichworte sind neue Medien wie Geo-caching oder QR-Codes – Techniken, die man kaum dem Namen nach kennt, die aber immer wichtiger für die Gedenkarbeit werden.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, nun habe ich des längeren von Erinnerungs- und Gedenkarbeit gesprochen – scheinbar nur der Vergangenheit zugewandt. Aber das, was ich hier kurz angerissen habe, ist mehr: Es ist ein Stück - entschuldigen Sie das altertümliche, meiner Meinung nach doch so aktuelle Wort – Charakterbildung. Es ist Menschenrechtsbildung, interkulturelles Lernen. Erziehung zu Respekt, Toleranz und Wertschätzung, es kann – denken Sie an die Schülerakten – globales Lernen sein – und wenn Sie an die Erinnerungsorte wie die Burg Stahleck im oberen Mittelrheintal denken auch noch UNESCO-Welterbeerziehung.

Ein anderer hat es einmal in wohl gesetzte Worte gekleidet. Meinen Vortrag möchte ich schließen mit den Worten Bernhard Schlinks, dem Professor für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin – besser bekannt als der Autor von „Der Vorleser“. Ich zitiere Bernhard Schlink:

Abtun lässt sich die Vergangenheit in keinem Fall. Nicht nur weil ihre Furchtbarkeiten so furchtbar sind, dass sie nie vergessen werden können. Nicht nur weil sie uns der Gefährdungen unserer kulturellen und zivilisa-torischen Existenz gewahr werden lässt. Sie ist auch der Stoff, der alle moralischen Themen und Probleme birgt. Verantwortung und Gesinnung, Widerstand und Anpassung, Treue und Verrat, Zaudern und Handeln, Macht, Gier, Recht und Gewissen – kein moralisches Drama, das sich nicht als Ereignis dieser Vergangenheit mit hinreichender Nähe zur gegenwärti-gen Lebenswelt und mit hinreichender ästhetischer Qualität erzählen lässt.

In diesem Sinne wünsche ich dem Eichendorff-Gymnasium viel Erfolg als anerkannte UNESCO-Projektschule.

Ich danke Ihnen.

 

 

 


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