Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

Ausstellungseröffnung


Am 26. Januar 2007 eröffnete der Stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins Mahnmal Koblenz die Ausstellung der Kulturinitiative Freiburg : “ Die Weiße Rose - Gesichter einer Freundschaft ”.

Das Bild zeigt Joachim Hennig (re.) mit Schülern der Arbeitsgemeinschaft Geschichte / Politik am Bischöflichen Cusanus-Gymnasium in Koblenz
Foto: Rhein-Zeitung

 Die Rede von Joachim Hennig, die er unter das Thema gestellt hat Willi Graf - Der Graue Orden und Koblenz ” wird nachfolgend dokumentiert:

Einführung in die Ausstellung „Die Weiße Rose“ am 26. Januar 2007 im Bischöflichen Cusanus-Gymnasium in Koblenz

von Joachim Hennig


Sehr geehrter Herr Lescher, sehr geehrte Damen und Herren Lehrer, liebe Schülerinnen und Schüler,

ich freue mich, heute hier im Bischöflichen Cusanus-Gymnasium Sie/Euch in die Ausstellung „Die Weiße Rose – Gesichter einer Freundschaft“ der Kulturinitiative Freiburg e.V. einführen zu dürfen. Als ich vor zwei Wochen deswegen angefragt wurde, habe ich spontan zugesagt. Ich komme immer wieder gern ins Bischöfliche Cusanus-Gymnasium zur Ausstellungseröffnung. Ich weiß, dass Ihre Schule in besonderem Maße bei der Gedenkarbeit engagiert ist. Gerne denke ich an die hier zum 27. Januar 2004 gezeigte Ausstellung „Wir hatten noch gar nicht angefangen zu leben“ über die Jugendkonzentrationslager Moringen und Ucker-mark zurück und an die im letzten Jahr zum 27. Januar hier gezeigte Ausstellung „’Wir können nur vorwärts, denn hinter uns ist der Tod.’ NS-Opfer aus der Region Koblenz und Neuanfang vor 60 Jahren.“ Die erstgenannte Ausstellung hatte 2004 der Förderverein Mahnmal Koblenz hier nach Koblenz geholt, im letzten Jahr hat der Förderverein Mahnmal Koblenz seine eigene Ausstellung hier präsentiert. Diese Ausstellung habe ich übrigens vor einer Woche im Landtag des Landes Rheinland-Pfalz in Mainz mit eröffnet. Sie ist dort im Foyer des Landtages noch bis zum 2. Februar zu sehen. In einer Sondersitzung des Landtages am 27. Januar wird Dr. Heinz Kahn, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde von Koblenz, aus seinem Leben als Überleben-der des Holocaust berichten und Enkel des ins „Zigeunerlagers“ von Auschwitz-Birkenau verschleppten Daweli Reinhardt werden diese Gedenksitzung des Landtages musikalisch umrahmen.

Der 27. Januar ist ja bekanntlich der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Im Jahre 1996 er von dem damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog proklamiert. Vom Datum her erinnert er an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 durch die Rote Armee. Er ist kein offizieller „Feiertag“, aber ein Gedenktag, an dem die öffentlichen Gebäude beflaggt sein und an dem Gedenkveranstaltungen stattfinden sollen. Seit dem Jahre 1998 wird der Gedenktag hier in Koblenz durch die Initiative des Fördervereins Mahnmal Koblenz begangen. Seitdem wird eine Gedenkveranstaltung in einer der Koblenzer Innenstadtkirchen begangen. Dabei sprechen der Herr Oberbürgermeister Dr. Eberhard Schulte-Wissermann und der Vorsitzende des Fördervereins Mahnmal Koblenz, es wird ein christlich-jüdisches Gebet von Pfarrern der christlichen Kirchen und dem Kantor der jüdischen Gemeinde. Seit der Errichtung des Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz im Jahr 2001 versammelt man sich zunächst am Mahnmal und gedenkt der Koblenzer NS-Opfer. Der Herr Oberbürgermeister verliest Namen von Opfern, denen in dem Jahr besonders gedacht werden. Deren Lebensläufe werden mit einer Rose an den Gitterstäben des Mahnmals angebracht. Fast regelmäßig hat der Förderverein Mahnmal Koblenz dazu eine Ausstellung präsentiert. Das ist in diesem Jahr nicht so, weil der Förderverein ja die Ausstellung im Landtag in Mainz zeigt. Stattdessen findet morgen im Stadtgebiet von Koblenz an 10 verschiedenen Orten die „Stolperstein-Aktion“ statt. Hierbei werden kleine Steine, dort wo die durch die Nazis ermordeten Menschen zuletzt gelebt haben, in das Straßenpflaster eingelassen. Auf den Steinen stehen der Name und die Lebensdaten der Opfer.

Eine besondere Verantwortung für diesen Gedenktag tragen die Schulen. Sie sind seit 1997 durch den damaligen Bildungsminister Zöllner aufgerufen, diesen Tag in geeigneter Weise vorzubereiten, z. B. durch Ausstellungen, Diskussionsveranstaltungen oder den Besuch der landeseigenen Gedenkstätten in Osthofen und Hinzert. Wichtig ist dabei – so Minister Zöllner – die Spurensuche vor Ort. Persönliche Belange können vor allem durch regionale und lokale Recherchen hergestellt werden, dabei können insbesondere Lebensläufe und Leidenswege nachvollzogen werden.

Dies tut Ihre/Eure Schule ja seit Jahren engagiert. Heute nun zeigt Ihre/Eure Schule dazu die Ausstellung „Die Weiße Rose“. Der Name „Weiße Rose“ ist der Name eines Freundschaftskreises. Mitglieder dieses Kreises, vor allem in München lebende Studenten, haben im Sommer 1942 Flugblätter hergestellt und dort und auch in anderen Städten des damaligen Deutschen Reiches verbreitet. Die „Weiße Rose“ ist eine der bekanntesten Widerstandsgruppen gegen den Nationalsozialismus, der man schon relativ früh in der Bundesrepublik Deutschland ein ehrendes Andenken bewahrte. Während andere Gruppen, Organisationen und Einzelpersonen es nach dem Krieg sehr schwer hatten, überhaupt wahrgenommen oder als Widerständler und nicht als Kriminelle und „Vaterlandsverräter“ angesehen zu werden, gab es einen breiten bürgerlichen Konsens für die Anerkennung und Würdigung der Leistungen der „Weißen Rose“. Plätze, Straßen, Schulen und andere Institutionen tragen ihren Namen. Gedenktafeln und Gedenkstätten wurden und werden für sie errichtet. Ausstellungen sind ihnen gewidmet. Biografien und Dokumentationen, Rundfunk- und Fernsehsendungen, Opern, Theaterstücke und Filme, ein Literaturpreis, Briefmarken und sogar ein Intercity der Deutschen Bahn AG erinnern an die Weiße Rose. Ganz aktuelle Ergebnisse dieser „Erinnerungskultur“ sind der Film „Sophie Scholl“ und auch die hier präsentierte Ausstellung „Die Weiße Rose“.

Warum – so fragt man sich angesichts dieser großen und langjährigen Aufmerksamkeit und Anerkennung – warum erinnert man sich gerade an die „Weiße Rose“?

Ich denke, es sind vor allem drei Gründe, die der „Weißen Rose“ besondere Beachtung und Anerkennung gebracht haben:

Zum einen gehören die Mitglieder der „Weißen Rose“ der bürgerlichen Schicht an. Sie sind keine Proletarier, keine Kommunisten, die die größte Gruppe der Widerstandskämpfer, der Widerständler ausmachten, die aber nur schwer in der Nachkriegszeit der Bundesrepublik Deutschland wahrgenommen wurden, geschweige denn Anerkennung fanden.

Zum anderen treffen wir bei den Mitgliedern der „Weiße Rose“ auf Christen, die sich anders verhielten als die kirchliche Mehrheit. Flugblätter der „Weißen Rose“ haben an dem verbrecherischen Charakter des NS-Systems als Ganzem keinen Zweifel gelassen und haben auch die staatlich organisierte Ermordung von Juden und Polen angeprangert.

Und drittens waren deren Mitglieder nicht erfahrene Politiker, Gewerkschaftsführer, Militärs oder Diplomaten, sondern junge Menschen, die im Namen der deutschen Jugend“ ihre Stimme erhoben. Es waren Menschen, die 1933 erst 15 Jahre alt waren oder jünger und die sich unter der herrschenden Propagandaglocke ihr politisches und moralisches Urteil in geistiger Selbstbehauptung hatten bilden müssen.

Es waren also – wie man so sagt – Menschen wie Du und ich, die von ihrer sozialen und beruflichen Herkunft der eigenen Sozialisation entsprachen. Diese Menschen handelten zudem aus christlichem Glauben heraus im Sinne der Humanität und waren jung, so dass sie gerade jungen Menschen ein glaubwürdiges Leitbild vermitteln konnten.

Diese jungen Menschen, Studenten, der „Weißen Rose“ muss man dabei mit als Reaktion auf die damalige offizielle „Jugend-politik“ der Nazis sehen. Für die Nationalsozialisten hatte die Jugend einen ganz besonderen Stellenwert. Für die damalige Jugend fing bei den Nazis und im Nationalsozialismus alles so positiv und bedeutsam an. „Macht Platz ihr Alten!“ lautete 1927 die zündende Devise von Gregor Strasser, dem Reichsorganisa-tionsleiter der NSDAP. Die Nazis waren die Partei „der Jungen“. Fortan sollte Jugend von Jugend geführt werden. Die Bedeutung der jungen Generation wurde aufgewertet – durch Uniformen und Aufmärsche, spektakuläre Wettkämpfe und öffentliche Auszeich-nungen. – Aber schon ideologisch wurde diese Jugend ausgenutzt – als Partei- und Staatsjugend nach dem Gesetz über die Hitler-Jugend von 1936 als „Soldaten einer Idee“. Man beraubte sie aller Freiräume und autonomen Gestaltungsmöglichkeiten. Zugleich setzte man sie im NS-Spitzel- und Überwachungssystem infam ein: Ältere, auch Eltern und Lehrer, liefen Gefahr, wegen regime-kritischer Äußerungen von regimetreuen Jüngeren denunziert zu werden. Das Generationsverhältnis als Abhängigkeit und Kon-trolle hatte sich umgekehrt. Hitler selbst hat es propagandistisch einmal so umschrieben: „Wir Alten sind verbraucht... Aber meine herrliche Jugend! Gibt es eine schönere auf der ganzen Welt? Sehen Sie sich diese jungen Männer und Knaben an! Welch Mate-rial. Daraus kann ich eine neue Welt formen. Meine Pädagogik ist hart. Das Schwache muss weggehämmert werden... Eine gewalt-tätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich.“

Ein derartiges System musste gewachsene jugendeigene Gruppen, die in Opposition zum Nationalsozialismus standen bzw. sich von ihm nicht vereinnahmen ließen, bekämpfen, gleich- und ausschalten. Zudem brachte ein solches System jugendeigenen Widerstand und jugendeigene Resistenz hervor. Dies waren Gruppen und später auch nur noch einzelne aus dem bündischen, dem christlichen und dem Arbeiter-Milieu. Am bekanntesten sind aus der Zeit des Krieges – zu einem Zeitpunkt, in dem diese überkommenen Gruppen längst zerschlagen oder gleichgeschaltet waren – bestimmte informelle Gruppen. Eine solche informelle Gruppe war die „Weiße Rose“.

Die Weiße Rose“ war ein zwangloser Kreis von Gleichgesinnten – ohne organisatorische Struktur, ohne eingetragene Mitgliedschaft und ohne programmatisch festgelegte Ziele und Anweisungen. Es war ein Freundschaftsbund, dessen Dynamik manche Außenkontakte hervorbrachte. Ihre Mitwirkenden waren zehn bis 15 junge Medizinstudenten. Dazu kamen einige Studentinnen der Medizin, der Philosophie und der Sprachen; auch 17jährige Schüler waren darunter, die bei der Versendung von Flugblättern halfen. Einbezogen waren auch ältere Freunde, Schriftsteller, Buchhändler, Architekten, Maler und Gelehrte. Den Kern dieser Gruppe bildeten die Geschwister Scholl, Christoph Probst, Alexander Schmorell, Willi Graf und Prof. Dr. Kurt Huber, ein Volksliedforscher und Philosoph.

Was sie wollten, was sie als ihren Beitrag und den einzigen Weg aus dem Übel betrachteten, das war die Überwindung der Gleich-gültigkeit und Feigheit, die nach ihrer Auffassung die (eigentlichen) Ursachen der moralischen Katastrophe des Nationalsozialismus waren. Dazu verfassten und verbreiteten sie 1942/1943 insgesamt sechs Flugblattfolgen, die unter Berufung auf die kulturellen Werte des christlichen Abendlandes und insbesondere auch der deutschen Nation Freiheit, Wahrheit und Gerechtigkeit beschworen.

Ich kann nicht auf alle Mitglieder dieses zur „Weißen Rose“ gehörenden Kreises Gleichgesinnter eingehen. Hervorheben möchte ich aber einen: Willi Graf. Warum nun gerade Willi Graf werden Sie/werdet Ihr fragen. Nun die Antwort ist scheinbar einfach. Hier in Koblenz gibt es eine Willi Graf-Schule, das ist eine Grundschule in Neuendorf in der Handwerkerstraße. Die Antwort ist einfach, provoziert aber eine weitere Frage: Warum heißt im Koblenzer Stadtteil Neuendorf eine Schule nach dem Mitglied der „Weißen Rose“ Willi Graf?

Die Antwort möchte ich hier nicht schuldig bleiben. Zunächst müssen wir uns aber fragen, wer war überhaupt Willi Graf.

Willi Graf wurde am 2. Januar 1918 im rheinischen Kuchenheim, heute ist Kuchenheim ein Vorort von Euskirchen, geboren. Er war Sohn eines Molkereibesitzers und stammte aus einer vom katholischen Glauben geprägten Familie. Später zog die Familie nach Saarbrücken, dort wuchs Willi Graf auch auf. Während seiner Schulzeit wurde er Mitglied des katholischen Schülerbundes „Neudeutschland“ (ND). Schon frühzeitig war er auch in der „Liturgischen Bewegung“ engagiert. Als die Nazis die bündischen Jugendverbände auflösten, schloss sich Willi Graf illegalen Gruppen an, vor allem dem „Grauen Orden“. Der „Graue Orden“ war ein Zusammenschluss von etwa 150 jungen Menschen, die eine eigene Lebensform suchten. Er nannte sich „grau“, weil er nach dem Verbot der Bünde unauffällig sein musste. Diejenigen, die dazu gehörten, trugen betont jugendbewegte Kleidung und als Erkennungszeichen eine graue Kordel (Quaste) an der Brusttasche. Die meisten seiner Mitglieder waren katholisch. Sie wurden jedoch von kirchlicher Seite mit Stirnrunzeln und wenig Wohlwollen betrachtet. Grund dafür war, dass sie sich um einen neuen Zugang zur Liturgie bemühten und auf eine „Kirche in der Welt“ hinwirkten, die für die Probleme der Gesellschaft, für Dichtung und Kunst aufgeschlossener war.

Willi Graf blieb auch beim „Grauen Orden“, als er 1937/38 mit dem Medizinstudium an der Universität in Bonn begann. – Und von Bonn bis Koblenz war es dann nicht mehr weit. Dort erfuhr Willi Graf, dass Mitglieder des „Grauen Ordens“ in Koblenz festgenommen worden waren. Einer der Aktivsten war der Koblenzer Alfred Wagner; er besuchte damals das katholische Priesterseminar in Trier. Willi Graf besuchte daraufhin die Familie Wagner in Koblenz-Neuendorf und sprach ihnen Mut und Zuversicht zu.

Alfred Wagner und seine Freunde wurden dann vom Sondergericht Köln, das am 18. und 19. Februar 1938 hier in Koblenz tagte, zu einer Geldstrafe verurteilt, Wagner zu 300.- Reichsmark, ersatzweise 30 Tage Gefängnis. Man warf ihnen vor, dass sie nach dem Verbot der bündischen Jugend noch Fahrten im Stil der bündischen Jugend unternommen haben, und zwar zu Pfingsten 1937 und zu Neujahr 1938 je eine Fahrt nach Waldesch. In dem Urteil des Sondergerichts Köln heißt es dazu u.a.:

Bei diesen Fahrten handelt es sich um Veranstaltungen von einer Gruppe der bündischen Jugend. (…) Das gilt auch für die Koblenzer Gruppe, denn diese kann, auch bis zuletzt, nur in der Geisteshaltung ihre Fahrten gemacht haben, zu der sie erzogen war. Dass diese Haltung bündisch war, geht auch daraus hervor, dass z.B. von Alfred Wagner die Jungenschaftsbluse der d.j.1.11. (d.j.1.11. war eine damals verbotene bündische Gruppe gewesen) getragen wurde, dass bei den Fahrten nach Waldesch eine Kothe mitgeführt wurde, das Lappenzelt, das aus dem Lande übernommen war, welches das „Land der großen Sehnsucht“ der Bünde war. (…) Auch das Liedgut entsprach dem der bündischen Jugend. Der Angeklagte Hoffmann bezeichnet u.a. als Lieder, die „wir“ singen: Platoff preisen wir den Helden; Die Steppe zittert, Asien lebe; Langsam reitet unsere Horde; Soldat, Du bist mein Kamerad, (…) Und wir kauern wieder um die heißen Glut…

Schließlich heißt es in dem Urteil, Alfred Wagner und drei seiner Freunde

haben einer Gruppe angehört, die als Fortsetzung der bündischen Jugend anzusehen ist und durch ihre Betätigung, indem sie sich gegenseitig in bestimmten Ansichten bestärkten, auch auf Jugendliche zum Zwecke der Fortsetzung bündischer Gruppen eingewirkt. Sie waren deshalb wegen Vergehens gegen § 4 der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat vom 28. Februar 1933 in Verbindung mit der Anordnung der Preußischen Geheimen Staatspolizei vom 8. Februar 1936 betreffend bündische Jugend zu bestrafen.

Schon bald nach Willi Grafs Besuch in Koblenz bei der Familie Wagner in Koblenz-Neuendorf wurde er selbst mit 17 anderen vor dem Sondergericht Mannheim wegen „bündischer Umtriebe“ angeklagt und für einige Wochen inhaftiert. Wie bei den Koblenzer Mitgliedern des „Grauen Ordens“ wurden auch bei Willi Graf nur unpolitische Tatbestände festgehalten: Unerlaubte Treffen, Lager- und Auslandsfahrten, das Pflegen Bündischen Brauchtums und Gedankenguts, das Benutzen des schwarzen Kothenzeltes der Lappländer, das Sitzen auf Matratzen bei Heimabenden, Fechten mit Stöcken und Peitschen, Spielen auf der Balalaika und immer wieder das Singen „Bündischer Lieder“, auch solcher mit russischem Einschlag. All dies war in den Augen der Nazis und ihrer Richter strafbar, damit wurde die Gesinnung, der Wunsch und Wille nach freiem, autonomem Leben – außerhalb der Staatsjugend HJ – zur Straftat.

Willi Graf setzte dann sein Medizinstudium in München fort. Bald nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde er Soldat. Ende 1942 kehrte er zum Studium nach München zurück. Schon bald beteiligte er sich an den Flugblattaktion der „Weißen Rose“. Bei der Verbreitung des 6. Flugblattes der „Weißen Rose“ im Lichthof der Münchner Universität wurden dann Sophie und Hans Scholl am 18. Februar 1943 verhaftet. Noch am selben Abend nahm man auch Willi Graf und andere Mitglieder der „Weißen Rose“ fest. Schon wenige Tage später wurden Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst vom Volksgerichtshof unter dem Vorsitz des berüchtigten Präsidenten des Volksgerichtshofs Dr. Roland Freisler zum Tode verurteilt. Die Flugblattverteilung war in den Augen dieses später so genannten Mörders in roter Robe Feindbegünstigung und Zersetzung der Wehrkraft. Die drei Verurteilten wurden noch am selben Nachmittag im Gefängnis München-Stadelheim durch das Fallbeil hingerichtet.

Willi Graf wurde dann mit 13 anderen am 19. April 1943 der Prozess gemacht. Wieder tagte der Volksgerichtshof unter dem Vorsitz des Präsidenten Freisler in München. Noch am selben Tag wurden Willi Graf, Alexander Schmorell und Prof. Kurt Huber aus den gleichen Gründen zum Tode verurteilt. Gnadengesuche der Eltern von Willi Graf und Alexander Schmorell blieben erfolglos, sie wurden von Hitler persönlich abgelehnt. Am 12. Oktober 1943 wurde Willi Graf im Gefängnis München-Stadelheim mit dem Fallbeil hingerichtet.

Willi Graf ist unvergessen. Auch in Koblenz wird seiner gedacht. Die Willi Graf-Schule in Neuendorf ist nach ihm benannt. Dies geschah übrigens auf Initiative des zuvor erwähnten Koblenzer Alfred Wagner. Er war inzwischen Leiter der Grundschule in Neuendorf geworden und er sorgte im Jahre 1969 dafür, dass die Schule seitdem „Willi Graf-Schule“ heißt. Diesen Vortrag schließen möchte ich mit einem Wort des Trostes, das da lautet: „Ein Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.“

Ich danke für die Aufmerksamkeit.

 

 


 

Der 27. Januar 2007 in Mainz

Am 27. Januar 2007 aktualisierte und ergänzte der Förderverein die Ausstellung “ Wir können nur vorwärts, denn hinter uns ist der Tod,- NS-Opfer aus der Koblenzer Region und Neuanfang vor 60 Jahren ” und zeigte sie im Landtag von Rheinland - Pfalz in Mainz. Zur Eröffnung der Ausstellung hielt der stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins Mahnmal Koblenz Joachim Hennig die nachfolgend dokumentierte Rede:


Einführung in die Ausstellung "Wir können nur vorwärts, denn hinter uns ist der Tod“
von Joachim Hennig am 18. Januar 2007 im Landtag Rheinland-Pfalz

Sehr geehrter Herr Landtagspräsident,
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
sehr geehrte Damen und Herren Mitglieder der Landesregierung
meine Damen und Herren,

ich freue mich sehr, Sie heute in die Ausstellung des Fördervereins Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz e.V. „’Wir können nur vorwärts, denn hinter uns ist der Tod.’ – NS-Opfer aus der Region Koblenz und Neuanfang vor 60 Jahren“ einführen zu dürfen. Der Förderverein Mahnmal, für den ich diese Ausstellung erarbeitet habe, begeht in diesem Jahr sein 10jähriges Bestehen. Seit 10 Jahren leistet er Erinnerungsarbeit für und mit den NS-Opfern aus Koblenz und Umgebung. Im Jahr 2001 wurde auf seine Initiative hin das Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz errichtet. Seit dem Jahr 2003 erarbeitet er Ausstellungen über NS-Opfer aus dem Koblenzer Raum. Begleitet wird dies durch die Publikation von Büchern, wissenschaftlichen Aufsätzen, Zeitungsartikeln und Vorträgen. Seit dem Jahr 2005 sind wir mit einer sehr umfangreichen Homepage im Internet vertreten und haben mit der Dokumentation über und mit Zeitzeugen begonnen.

Zum diesjährigen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar präsentieren wir nun unsere Ausstellung
„Wir können nur vorwärts, denn hinter uns ist der Tod“ hier im Landtag.

Die Befreiung des KZ Auschwitz am 27. Januar 1945 war be-kanntlich der Anlass für die Proklamation des Gedenktages am 27. Januar. Von daher war der Gedenktag zur 60. Wiederkehr der Befreiung des KZ Auschwitz vor zwei Jahren schon sehr herausgehoben. Das macht es schwierig, den diesjährigen Gedenktag – den 62. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz – zu thematisieren. Denn was – so könnte man meinen – was soll schon nach Auschwitz kommen? Ist doch „Auschwitz“ im nationalen und auch internationalen Sprachgebrauch inzwischen das Synonym für Unmenschlichkeit, Völkermord, Rassenwahn und Intoleranz. Verursacht „Auschwitz“ nicht Scham und Sprachlosigkeit, die es verbieten, in der Gedenkarbeit gleichsam routinemäßig fort zu fahren?

Wir vom Förderverein Mahnmal Koblenz haben uns diesen Fragen gestellt. Dabei ist uns bewusst, dass wir am diesjährigen 27. Januar eine besondere Verpflichtung und Aufgabe haben bei der Gestaltung des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Deshalb haben wir uns dafür entschieden, in diesem Jahr der überlebenden NS-Opfer zu gedenken. Sie waren es, die unmittelbar nach der Befreiung das Gedenken an ihre toten Kameradinnen und Kameraden begonnen haben, wach zu halten. Zudem haben sie uns deutlich gemacht, dass wir bei der Erinnerung und Trauer nicht stehen bleiben, sondern das Gedenken als eine Verpflichtung ansehen sollten, unsere eigene Zukunft und die unserer Kinder und Kindeskinder in die Hand zu nehmen und zu gestalten.

Dieses Wissen und dieses Bewusstsein werden exemplarisch deutlich an dem „Schwur von Buchenwald“, den die Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald wenige Tage nach der Befreiung leisteten. Dazu zitiere ich hier aus einem Bericht eines Zeitzeugen, in dem es u.a. heißt:

Am 19. April 1945 fand die Trauerkundgebung für die Toten von Buchenwald statt. Ein großes Ehrenmal war auf dem Appellplatz errichtet. Die Blocks und Baracken waren mit Fahnen und Transparenten geschmückt. Die Fahnen fast aller Nationen wehten im Winde und zeigten, dass die Völker auch friedlich nebeneinander leben können. Unter den Klängen ihrer Nationallieder marschierten die Nationen auf. Russen, Polen, Tschechen, Slowaken, Jugoslawen, Österreicher, Ungarn, Rumänen, Engländer, Deutsche, Franzosen, Italiener, Spanier, Belgier, Holländer und Luxemburger.
Unter den Klängen der „Internationale“ marschierten die gemischten Blocks auf. 21.000 marschierten zum Gedächtnis für 60.000 tote Kameraden. Die Fahnen wurden vor dem Ehrenmal aufgestellt und neigten sich zum Gruß.
Der Vorsitzende des Internationalen Lagerkomitees, Walter Bartel, eröffnete die Kundgebung. Mit entblößtem Haupt gedachten die befreiten Häftlinge der Toten. Dann verlasen Mitglieder des Internationalen Komitees – jeder in seiner Sprache – den Aufruf:

Wir Buchenwalder, Russen, Franzosen, Polen, Tschechen, Slowaken und Deutsche, Spanier, Italiener und Österrei-cher, Belgier und Holländer, Engländer, Luxemburger, Rumänen, Jugoslawen und Ungarn, kämpften gemeinsam gegen die SS, gegen die nazistischen Verbrecher, für unsere eigene Befreiung.
Uns beseelte eine Idee: Unsere Sache ist gerecht – Der Sieg muss unser sein!
Wir führten in vielen Sprachen den gleichen harten, erbarmungslosen, opferreichen Kampf, und dieser Kampf ist noch nicht zu Ende. Noch wehen Hitlerfahnen! Noch leben die Mörder unserer Kameraden! Noch laufen unsere sadistischen Peiniger frei herum!
Wir schwören deshalb vor aller Welt auf diesem Appellplatz, an dieser Stätte des faschistischen Grauens:
Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht!
Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel. Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig. Zum Zeichen Eurer Bereitschaft für diesen Kampf erhebt die Hand zum Schwur und sprecht mir nach:
WIR SCHWÖREN!
21.000 Männer streckten die Hand zum Himmel und sprachen: „Wir schwören!“

So weit der „Schwur von Buchenwald“. Er zeigt auch, dass sich die Opfer des Nationalsozialismus oft schon kurz nach ihrer Befreiung für den demokratischen Neuanfang und Wiederaufbau nach dem Krieg engagierten. Dies geschah aus verschiedenen politischen und religiösen Grundhaltungen heraus, vor allem aus den Grundhaltungen heraus, aus denen diese Menschen zuvor zu Opfern des Nationalsozialismus geworden waren. Zudem ergab sich eine Grundhaltung aus den Erfahrungen in den Konzentrationslagern, von denen der zitierte „Schwur von Buchenwald“ eine, wenn auch wichtige Grundhaltung verkörpert. Aber immer geschah dieser Neuanfang und Wiederaufbau aus den Erfahrungen der Verfolgung und des Leidens, die das verbrecherische Regime des Nationalsozialismus in besonderem Maße über diese Menschen gebracht hatte.

Die hier porträtierten Opfer des Nationalsozialismus sind nicht „vergangene Geschichte“. Sie sind Menschen aus „Fleisch und Blut“, die beispielgebend für uns alle, gerade auch für die heutige Jugend, sein können und sollen. Es sind ausgewählte Biografien, die zeigen, wie Menschen in ganz extremen Situa-tionen – unter jahrelanger Folter, Erniedrigung, Hunger, Verzweiflung, Todesangst – überlebt haben und den Mut und die Kraft gefunden haben, ein neues Leben zu beginnen oder da anzuknüpfen, wo sie aufgrund der Verbrechen des National-sozialismus notgedrungen haben aufhören müssen. Die Ausstel-lung mit dem Motto „Wir können nur vorwärts, denn hinter uns ist der Tod“ ist ja ein Zitat des bekannten, im Jahr 2005 verstorbenen Holocaust-Überlebenden und „Nazi-Jägers“ Simon Wiesenthal. Sie zeigt wie die Menschen nach vorn geschaut, ihr Leben in die Hand genommen und Beispielhaftes geleistet haben.

Die Geschichte dieser Menschen zeigt aber auch, wie schwer sie es hatten, nach der Befreiung wieder „im normalen Leben“ - also außerhalb des Konzentrationslagers, des Zuchthauses, nach ihrer Rückkehr aus der Emigration oder der Illegalität - zurecht zu kommen. Sie kamen zurück in eine zerstörte Stadt, waren vielfach schwer krank, ihre Familien waren zerstreut, ihre Arbeitsstellen verloren, Lebensmittel waren Mangelware. Nicht selten mussten sie zudem auch noch gegen Vorurteile kämpfen (nach dem Motto: „Es wird schon etwas dran gewesen sein, wenn man im Zuchthaus war.“). Bisweilen sah man sie auch als „Störenfriede“ an – vor allem ganz konkret dann, wenn sie ihr Hab und Gut zurückhaben wollten. Die Geschichte dieser Menschen zeigt auch, wie wenig und spät unsere Gesellschaft etwas getan hat, um diese NS-Opfer zu integrieren und den Schaden wieder gut zu machen. - Und wie sehr diese Menschen kämpfen mussten, um endlich ein menschenwürdiges Leben in gesicherter Existenz und in Achtung und Anerkennung zu führen.

In dieser Ausstellung werden 26 Opfer des Nationalsozialismus aus Koblenz und Umgebung porträtiert. Sie kommen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Schichten und aus den verschiedensten politischen Parteien. Es sind Kommunisten, aber auch SPD-Leute, Gewerkschafter, Zentrum- und CDU-Männer und Frauen, katholische Priester, Juden, Sinti, Bürger-liche, Menschen aus dem Volk. Insgesamt 26 Schicksale, 26 Biografien. Ich kann hier nicht auf alle eingehen. Beispielhaft möchte ich hervorheben:

Heinz Kahn Dr. Kahn ist Jahrgang 1922. Als Jugendlicher geriet er, weil er Jude war, schon früh in die Verfolgungsmaschinerie der Nazis. Er wird am 27. Januar in der Plenarsitzung des Landtages als Zeitzeuge sprechen.
Ernst Biesten Dr. Biesten (1884 – 1953) war als Polizeidezernent und erster Polizeipräsident von Koblenz entschiedener Gegner des aufkommenden Nationalsozialismus und geriet schon vor und erst recht nach der sog. Machtergreifung in das Fadenkreuz der Nazis. Über ihn werde ich am 22. Januar hier im Waffensaal einen Vortrag halten.
Johann Dötsch Dötsch (1890 – 1946) war den Nazis als SPD-Funktionär und Gewerkschafter suspekt. Deshalb war er wiederholt in „Schutzhaft“. Zuletzt war er vom 1. September 1939 bis zur Befreiung auf dem Todesmarsch im Mai 1945 im KZ Sachsenhausen inhaftiert.
Alfred Knieper Knieper (1909 - 1973) war Kommunist und wegen seiner politischen Überzeugung viele Jahre in Konzentrationslagern, erst 1 ½ Jahre im KZ Esterwegen, dann vom 1. September 1939 bis zur Befreiung im KZ Buchenwald.
Pater Josef Kentenich (1885 - 1968) Pater Kentenich war Gründer der Schönstatt-Bewegung, einer Reformbewegung innerhalb der katholischen Kirche. Wegen seines Glaubens und seines Engagements für die Bewegung kam er 1941 in „Schutzhaft“, zunächst in Koblenz, dann ins KZ Dachau.
Wilhelm Guske Dr. Guske (1880 – 1957) war Vizepräsident beim Oberpräsidium der Rheinprovinz. Als Sozialdemokrat, Mann des Reichsbanners Schwarz Rot Gold und der Eisernen Front wurde er von den Nazis aus politischen Gründen abgesetzt und kriminalisiert.
Daweli Reinhardt Der 1932 geborene Daweli (Alfons) Reinhardt wurde als 11-Jähriger zusammen mit seiner Familie nach Auschwitz-Birkenau deportiert, weil die Reinhardts „Zigeuner“ waren. Mit Geschick überlebte er dort das „Zigeunerlager“ sowie anschließend Verschleppungen in weitere KZs und auch den Todesmarsch vom KZ Sachsenhausen.
Daweli Reinhardt war in den 60er Jahren Mitbegründer des Schnuckenack Reinhardt-Quintetts, bis vor zwei Jahren hat er noch öffentlich musiziert. Er ist heute noch Chef der Koblenzer Sinti-Großfamilie der Reinhardts. Dr. Wilhelm Guske war nach dem Krieg vorübergehend Oberbürgermeister der Stadt Koblenz und Ministerialbeamter in Wiesbaden. Pater Josef Kentenich intensivierte nach der Befreiung seine Arbeit für die Schönstatt-bewegung und machte sie zu einer weltumspannenden Glaubensgemeinschaft. Alfred Knieper war Regierungsvizepräsident von Montabaur, weiterhin Mitglied der KPD und erster Vorsitzender der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, zuletzt Ministerialbeamter in Koblenz und dann hier in Mainz. Johann Dötsch war Mitbegründer der SPD in Koblenz und Präsidialdirektor der Provinz Rheinland/Hessen-Nassau. Dr. Ernst Biesten war Mitbegründer der CDU in Koblenz, mit Süsterhenn „Vater“ der rheinland-pfälzischen Verfassung, erster Präsident des Oberverwaltungsgerichts und des Verfassungsgerichtshofs Rheinland-Pfalz. Dr. Heinz Kahn ist seit 1987 Vorsitzender der jüdischen Kultusgemeinde in Koblenz und stellt sich seit Jahren als Zeitzeuge zur Verfügung.

Die hier Biografierten können damit Leitbilder für uns alle sein. Die Gedenkarbeit – so wie wir sie verstehen – soll nicht stehen bleiben in Todesangst der Opfer, Trauer der Überlebenden und Scham der Nachgeborenen über das Geschehene. Sie soll viel-mehr auch Mut machen für die eigene Lebensgestaltung. Von daher ist diese Gedenkarbeit auch zukunftsweisend. Sie gibt uns aktuell auch heute noch etwas und beantwortet zugleich die immer wieder zu hörenden Frage, warum denn nicht endlich Schluss sein kann. Es kann nicht Schluss sein – auch nicht um unseretwegen.

Überdies sind diese Biografien Mosaiksteine der Geschichte der Nachkriegszeit. Sie machen exemplarisch den schwierigen Neu-anfang nach 1945 deutlich. Sie zeigen, wie wir wurden, was wir heute sind. Wie sich unsere Geschichte entwickelt hat und wes-halb sie so und nicht anders geworden ist. Es ist kein Zufall sondern Absicht, dass die Erinnerung an diese Frauen und Männer am Anfang des Jahres 2007 steht, dem Jahr, in dem das land Rheinland-Pfalz auf seine Gründung vor 60 Jahren zurückblickt.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

 


 



„Noch können Opfer berichten“ 27.Januar: Landesweite Veranstaltungen zum Gedenktag

Auch in diesem Jahr wird der Landtag Rheinland-Pfalz wieder der Opfer des Nationalsozialismus gedenken. Die erste der drei Veranstaltungen wird am kommenden Donnerstag, den 18. Januar 2007, um 12.30 Uhr durch Landtagspräsident Joachim Mertes eröffnet. „Wir können nur vorwärts, denn hinter uns ist der Tod“ Dieser Satz des verstorbenen Holocaust-Uberlebenden Simon Wiesenthal bildet das Leitmotiv der Ausstellung des Fördervereins Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz. Mit dieser Ausstellung wird stellvertretend für alle NS-Opfer im Gebiet unseres Landes an die Opfer aus Koblenz und Umgebung erinnert, die das verbrecherische NS-Regime überlebten.
Eine Vortragsveranstaltung zeigt am Montag, dem 22. Januar 2007 üm 19.00 Uhr im Wappensaal des Landtags „Lebensbilder von Gegnern des NS-Regimes aus Rheinland-Pfalz“ auf. Erinnert wird an Dr. Ernst Biesten, Hans Eiden, der letzte Lagerälteste von Buchenwald, Ludwig Schwamb und Jakob Steffan.
Am eigentlichen Gedenktag, am Samstag, dem 27. Januar 2007 findet um 10.00 Uhr im Plenarsaal eine Gedenksitzung als zentrale Gedenkveranstaltung des Landes mit Abgeordneten, Regierungs- mitgliedern und geladenen Gästen statt. Im Mittelpunkt der Gedenksitzung steht der Vortrag des Zeitzeugen Dr. Heinz Kahn, der als einziger seiner Familie den Holocaust überlebte. Musikalisch wird die Veranstaltung von der Sinti-Familie Daweli Reinhardt mitgestaltet.
Insgesamt bieten der Landtag, die Landesregierung, die Stadt Mainz und rund dreißig weitere Initiativen und Organisationen landesweit über 30 Veranstaltungen zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus Gedenkveranstaltungen an. Diese Veranstaltungen sind in der Broschüre (unser Bild) erläutert, die kostenlos beim Landtag Rheinland-Pfalz unter der Telefonnummer 06131-208 2496 (Frau Eifler) angefordert werden kann. Der Inhalt kann auch über die Internet-Seiten des Landtags eingesehen werden
 
 


 

 

 

Porträts erinnern an Menschen, die das NS-Regime überlebt und das Land mit aufgebaut haben
KOBLENZ. Im Rahmen der Veranstaltungen zum 27. Januar (Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus) wird im Mainzer Landtag die Ausstellung „Wir können nur vorwärts, denn hinter uns ist der Tod" gezeigt.
Dieser Satz von Simon Wiesenthal bildet das Leitmotiv für die Ausstellung des Födervereins Mahnmal Koblenz. In ihr wird an die Opfer des Nationalsozialismus aus Koblenz und Umgebung erinnert. Porträtiert werden Menschen, die das verbrecherische NS-Regime überlebten und aus den Erfahrungen der Verfolgung und des Exils den Wiederaufbau und den Neuanfang des Landes Rheinland-Pfalz vor 60 Jahren mitprägten.
Dargestellt werden 26 Widerständler und andere Opfer des Natio- nalsozialismus, die sich in den verschiedensten Bereichen vor 60 Jahren für einen Neuanfang engagierten. Gezeigt werden Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Christdemokraten, Bürgerliche, Juden, Sinti und andere.
Eröffnet wird die Ausstellung durch Landtagspräsident Joachim Mertes am Donnerstag, 18. Januar, um 12.30 Uhr im Foyer des Landtages. Bis zum 2, Februar kann sie täglich außer an Wochenenden von 8 bis 17 Uhr besichtigt werden.
Begleitend zur Ausstellung findet die Veranstaltung „Lebensbilder von Gegnern des NS-Regimes aus Rheinland-Pfalz“ am Montag,22. Januar, 19 Uhr, im Wappensaal des Landtages statt. Joachim Hennig porträtiert unter anderem Dr. Ernst Biesten (1884 - 1953), einen Koblenzer Demokraten in vier Epochen

Quelle: Rhein-Zeitung vom 11. Januar 2007

 


 
Ausstellung erinnert an Nazi-Opfer, die sich nicht beugen ließen.
Koblenzer Mahnmal-Verein und Landtag würdigen 26 Widerständler aus dem Landes-Norden - Nach dem Krieg beim Aufbau der Demokratie geholfen
„Du kommst zur Arbeit, Du musst überleben!“ Das sind die letzten Worte, die Heinz Kahn im März 1943 von seinem Vater hört. Das menschenverachtende Auslese-System der Nazis schickt an der Todesrampe von Auschwitz-Birkenau den Vater in die Gaskammer, den Sohn in KZ-Haft. Kahns Schicksal und das von 25 weiteren NS-Opfern aus dem Raum Koblenz dokumentiert eine Ausstellung des „Fördervereins Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz“ im Foyer des Mainzer Landtags. Heinz Kahn hat Glück. Er überlebt Auschwitz, dann die Verschleppung nach Buchenwald und erlebt 1945 die Befreiung des KZ durch amerikanische Soldaten. Er kehrt in seine Heimatregion nach Trier zurück und wird dort Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde. Er wird Tierarzt, lässt sich später mit seiner Familie in Polch nahe Koblenz nieder. Seit 1987 ist er Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Koblenz.
In knappen Stationen erzählt die Ausstellung aus dem Leben von 26 Widerständlern, die sich nicht beugen ließen. Sie überlebten nicht nur Unterdrückung, willkürliche Gefängnishaft oder Konzentrationslager - sie halfen nach dem Krieg beim Aufbau der Demokratie in dem jungen Bundesland, das am 18. Mai 1947 seine Verfassung annahm. Die Ausstellung ist auch ein Beitrag des Landtags zum Jubiläum „60 Jahre Rheinland-Pfalz".
Erinnert wird neben anderen an Maria Detzel aus Koblenz, die „wahre Mutter der Kriegsopfer“. Die Sozialdemokratin pflegt im ersten Weltkrieg verwundete Soldaten. Als Stadträtin in Koblenz widersetzt sie sich einer „Ehrenbürgerschaft“ für Hitler, wird aus dem Rat gedrängt und mehrmals inhaftiert. Nach 1945 kehrt sie rasch in die Politik zurück, auch in den Koblenzer Stadtrat. Sie baut die Versorgungsverwaltung mit auf und wird Regierungsdirektorin des Landesversorgungsamts in Koblenz. (ren)


 

Ebenfalls pünktlich zur Eröffnung der Ausstellung im Landtag erschien die zweite, um ein ausführlicheres Nachwort ergänzte Auflage des Buches : Daweli Reinhardt/Joachim Hennig : Hundert Jahre Musik der Reinhardts - Daweli erzählt sein Leben. Verlag Dieter Folbach, Koblenz 2007, ISBN 3-934795-46-3 ( Preis 5,-€ )
Der Mitautor Joachim Hennig (rechts im Bild) überreicht ein Exemplar der Neuauflage an Landtagspräsident Joachim Mertes (ganz links) ebenfalls anwesend sind die Vorsitzende des Fördervereins Django Reinhardt Music Friends e. V. Frau Gunhild Schulte-Wissermann und Django Reinhardt, Sohn von Daweli Reinhardt
 

“Menschen, Schicksale und Erinnerungen“ Überlebenden Opfern des Nationalsozialismus aus dem Raum Koblenz gedacht

„Man kann sich wehren auch wenn man nicht als Held geboren ist, indem man anfängt frei zu denken“. Mit diesen Worten eröffnete Landtagspräsident Joachim Mertes (SPD) am Donnerstag der vergangenen Woche die Ausstellung „Wir können nur vorwärts, denn hinter uns ist der Tod“ des Fördervereins Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz im Foyer des Landtags.
Stellvertretend für alle NS-Opfer im Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz gedenkt die Ausstellung 26 Widerständlerinnen und Widerständlern und anderer Opfer des Nationalsozialismus aus dem Koblenzer Raum, die das Verbrecherregime der Nazis überlebten und sich am demokratischen Wiederaufbau des Landes beteiligt haben.
Unter den Gästen der Ausstellung befanden sich neben den Spitzen der Landespolitik auch Nachfahren der Porträtierten, darunter Fritz Görgen, Pflegesohn von Johann Dötsch, der auf Grund seiner SPD-Zugehörigkeit und Gewerkschaftsarbeit von den Nazis verfolgt und ins Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt wurde.
„Die Zahl ob vier, fünf oder sechs Millionen Opfer des Nationalsozialismus ist so unglaublich, dass man sie nicht verdauen kann“, unterstrich Mertes in seiner Eröffnungsrede. Wenn man aber zeige, dass es sich hier um Menschen mit ganz normalen Lebensläufen gehandelt habe, die sich, trotz der bekannten Konsequenzen für den Widerstand einsetzten, dann präsentiere man in der Ausstellung „Menschen, Schicksale und Erinnerungen“. „Wir finden Menschen, die in jugendlichen Jahren bereit waren, Risiken einzugehen“, betonte Mertes, auch wenn dies ein Leben in Angst um das eigene Leben und das der Familie und Freunden bedeutete.Die Ausstellung, wie auch die zahlreichen anderen Veranstaltungen im Land rund um den 27. Januar böten Gelegenheit gerade auch für junge Menschen, sich mit den Geschehnissen im Nationalsozialismus auseinander zu setzen, was der Landtag über alle Fraktionsgrenzen hinweg unterstütze. Auch zwei Jahre nach dem 60. Jubiläum der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz habe man eine „besondere Verpflichtung und Aufgabe bei der Gestaltung des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ ‚ sagte der stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz, Joachim Hennig. Deshalb habe sich der Verein im Jahr seines zehnjährigen Bestehens dafür entschieden, der überlebenden NS-Opfer zu gedenken. „Sie waren es, die unmittelbar nach der Befreiung damit begonnen haben, das Gedenken an ihre toten Kameradinnen und Kameraden zu bewahren“, sagte Henning. Die gezeigten Opfer des Nationalsozialismus seien nicht „vergangene Gesichter“, sondern Menschen aus Fleisch und Blut, die für alle, gerade auch für die heutige Jugend, beispiel-gebend sein können und sollen, betonte Henning. Besonders die „beeindruckende Gestaltung“ der Ausstellung durch den Förderverein, die 26 Tafeln mit Bildern und Lebensläufen der NS-Opfer zeigt, lobte Fritz Görgen. Als Nachkomme einer der Porträtierten betonte er die besondere Wichtigkeit und Bedeutung solcher Initiativen für die gesamte Gesellschaft.

Eine der ausgestellten Tafeln beschreibt das Schicksal von Heinz Kahn, der am 13. April 1922 in Hermeskeil bei Trier geboren wurde. Erste Diskriminierungen auf Grund seiner jüdischen Religion erfährt Kahn bereits im Alter von zwölf Jahren, als er die „judenreine“ Schule verlassen muss. Zur Vorbereitung seiner Deportation wird er im Februar 1943 ins Trierer Gefängnis eingeliefert und schließlich mit seinem Vater, seiner Mutter und seiner jüngeren Schwester Gertrud ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau verschleppt. Als einziger Uberlebender seiner Familie kommt Kahn 1945 frei, als amerikanische Soldaten die Gefangenen befreien.
Die Ausstellungseröffnung war Auftakt einer Reihe von über 30 landesweiten und unterschiedlichen Veranstaltungen, die dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus gewidmet sind.
Zwei weitere stehen im Landtag an. Am heutigen Montag, dem 22. Januar 2007 zeigt eine Vortragsveranstaltung im Wappensaal des Landtags „Lebensbilder von Gegnern des NS-Regimes aus dem heutigen Rheinland-Pfalz“ auf. Erinnert wird an Dr. Ernst Biesten, Hans Eiden, der letzte Lagerälteste von Buchenwald, Ludwig Schwamb und Jakob Steffan.
Am eigentlichen Gedenktag, am Samstag, dem 27. Januar 2007, findet um 10.00 Uhr im Plenarsaal eine Gedenksitzung als zentrale Gedenkveranstaltung des Landes mit Abgeordneten, Regierungsmitgliedern und geladenen Gästen statt. Im Mittelpunkt der Gedenksitzung steht der Vortrag des Zeitzeugen Dr. Heinz Kahn. Musikalisch wird die Veranstaltung von der Sinti-Familie Daweli Reinhardt mitgestaltet.
Quelle: Der Landtag vom 22. Januar 2007


 

Ergänzend zur Ausstellung im Foyer des Landtags gab es noch eine Vortragsveranstaltung im Wappensaal des Landtags mit dem Thema:

 “Lebensbilder von Gegnern des NS-Regimes in Rheinland-Pfalz”

Porträtiert wurden die Demokraten und Widerstandskämpfer Dr. Ernst Biesten, Hans Eiden, Jakob Steffan und Ludwig Schwamb

Auf dem Foto von links nach rechts : Dr. Lothar Steffan, Sohn von Jakob Steffan, Joachim Hennig, Förderverein Mahnmal, Landtagsabgeordneter Dieter Burgard (SPD, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen) Dr, Axel Ulrich, Referent, Dr. Beate Dorfey, Referentin, Landtagspräsident Joachim Mertes und Irmingard Hattingen, die Tochter von Dr. Biesten.
 


Vier Gegner des Terror-Regimes - Ausstellung erinnert an NS-Widerstandskämpfer

Von Martin Recktenwald
Nicht alle machten mit oder schauten weg — viele mutige Menschen betrieben aktiv Widerstand gegen Nationalsozialismus.
Der Vortrag „Lebensbilder von Gegnern des NS-Regimes“ stellte stellvertretend Dr. Ernst Biesten, Hans Eiden, Ludwig Schwamb und Jakob Steffan vor, die die Terrorherrschaft bekämpft hatten
Anlässlich des „Tages des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ am 27. Januar wird jetzt mit einer Ausstellung im Landtag an die Widerstandskämpfer erinnert.
Als „Demokrat in vier Epochen“ beschrieb Referent Joachim Hennig den Koblenzer Dr. Ernst Biesten. Als Polizeipräsident hatte er vor 1933 mehrfach Aktionen der Nazis gestört und ihre Randalierertrupps verhaften lassen. Uberzeugter Demokrat war Biesten schon in der ausgehenden Kaiserzeit- er war 1884 als Sohn eines Weinhändlers in Niederlahnstein geboren worden. Nur 14 Tage nach der Machtübernahme ließen die Nazis den ihnen verhassten Beamten aus seinem Amt entfernen. Er wurde als „unwürdiger Staatsdiener“ diffamiert und zwangspensioniert. Nach dem Krieg wirkte Biesten am Aufbau von Rheinland-Pfalz mit. Er war einer der Vorarbeiter für die Landesverfassung, Mitbegründer der CDU in Koblenz und später Präsident des Landesverwaltungsgerichts.
Als Kommunist wurde der aus Trier stammende Hans Eiden 1936 wegen Hochverrats verurteilt und drei Jahre später vom Gefängnis in das KZ Buchenwald überführt. Die SS hatte dort eine Häftlingsselbstverwaltung eingerichtet. „Eiden nutzte diese Institution, um sich für seine Mitgefangenen einzusetzen“, berichtete Referentin Dr. Beate Dorfey. Als „Lagerältester“ war Eiden schließlich für alle Häftlinge verantwortlich. Es gelang ihm, die SS hinzuhalten und die Evakuierung des Lagers zu verhindern - 21000 Menschen überlebten so bis zur Befreiung. Nach dem Krieg hatte Eiden eine glücklose Karriere in der KPD, sein Andenken geriet viele Jahre in Vergessenheit
Ludwig Schwamb aus Undenheim und Jakob Steffan aus Oppenheim waren Mitglieder des zivilen Widerstandsnetzes rund um den 20. Juli 1944. Gewerkschaftsführer Wilhelm Leuschner hatte in Deutschland ein Netzwerk von Vertrauensleuten aufgebaut - sie sollten gleichzeitig mit dem militärischen Aufstand gegen Hitler einen zivilen Kampf beginnen. 250000 Personen aus diesem Netzwerk sind heute bekannt. „Dieser Aspekt des 20. Juli wird immer noch nicht genügend gewürdigt“, meinte Referent Dr. Axel Ulrich. Ludwig Schwamb organisierte die Widerstandszellen von Kassel bis Heidelberg - für das Rhein-Main-Gebiet gewann er seinen Freund Jakob Steffan als Verantwortlichen. Nach dem gescheiterten Aufstand wurde Schwamb am 23. Januar 1945 hingerichtet. Jakob Steffan überlebte und wurde später Innen- und Sozialminister in Rheinland-Pfalz
Quelle: Allgemeine Zeitung vom 24. Januar 2007



„Auschwitz kam nicht aus dem Nichts“
(aus: Der Landtag Nr. 4 / Montag 5. Februar 2007)

Bewegender Bericht eines ehemaligen Häftlings in Gedenkstunde des Landtags für NS-Opfer

„Mein Vater sagte, jetzt sind wir vogeifrei, jetzt können sie mit uns machen, was sie wollen und kein Hahn kräht noch nach uns.“ Mit diesen bewegenden Worten beschrieb der Holocaust-Uberlebende Dr. Heinz Kahn im Mainzer Landtag den Abtransport seiner Familie in das Vernichtungslager Auschwitz. Am internationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus war der heute 84-jährige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Koblenz zu einer Sondersitzung in den Landtag gekommen, um von seinem Uberlebenskampf im Vernichtungslager zu berichten.
Landtagspräsident Joachim Mertes hatte in seiner Begrüßungsrede die Wichtigkeit solcher Zeitzeugenberichte betont. „Auschwitz kam nicht aus dem Nichts“, betonte er. Es sei der Endpunkt einer jahrelangen, sich stetig verschärfenden Entwicklung von Entrechtung und Ausgrenzung der Juden und dem System missliebigen Personen gewesen, die in ganz kleinen Schritten begonnen habe. Offentlich, in den Städten und Dörfern auch unserer Region - für jeden wahrnehmbar.
Die heutige Generation müsse lernen, Warnzeichen zu erkennen. „Die Mehrzahl der heute lebenden Menschen sind zwar frei von persönlicher Schuld, aber nicht frei von Verantwortung“, betonte der Landtagspräsident. Um heute und in Zukunft in gegenseitigem Respekt friedlich zusammen leben zu können, dürften wir nie vergessen. zu welcher Barbarei Menschen fähig seien. Unsere ständige Verpflichtung sei es, die Demokratie zu bewahren und uns ständig mit rechtsradikalen Strukturen und rechtsextremistischem Gedankengut auseinanderzusetzen.
Von der langsam fortschreitenden Ausgrenzung bis hin zur Deportation seiner Familie berichtete auch Heinz Kahn anhand vieler Beispiele aus seiner Jugend in Hermeskeil. Zunächst wurde er im Unterricht in die letzte Reihe gesetzt, dann musste er die Schule verlassen, damit sie "judenrein“ wurde. In der Reichspogromnacht im November 1938 wurden seine Eltern festgenommen. das Haus der Familie enteignet. In einem Viehwagon wurde die Familie schließlich 1943 nach Auschwitz deportiert.
Nur Heinz Kahn entging dort der Vergasung - wegen seiner Jugend und Arbeitskraft. Er war ideenreich und handwerklich begabt. Als Krankenpfleger schaffte er es, im Lager zu überleben. Als die Rote Armee näher rückte, wurden die Häftlinge in das KZ Buchenwald verschleppt, wo sie schließlich von den Amerikanern befreit wurden. In vielen Episoden berichtete der 84-Jährige von seinem Uberlebenskampf: von Menschen, die ihm halfen und solchen, die ihn verrieten, aber bei der Entnazifizierung nach dem Krieg um seine positive Bewertung baten.
Der Innenminister und stellvertretende Ministerpräsident Karl Peter Bruch (SPD) erinnerte daran, wie wichtig es sei, die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht zu vergessen. „Gedenktage sollen vor allem Denktage sein‘.~, betonte er. ..Wir Deutsche müssen aktiv eintreten für einen Rechtsstaat und ihn jeden Tag neu erkämpfen.“ Der Kampf gegen den Rechtsextremismus kenne aber nicht allein Sache des Staates sein, er sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. „Die Maßnahmen des Staates entfalten ihre Wirkung nur, wenn diese auch von den Bürgerinnen und Bürgern mitgetragen werden; Gefragt seien Aufmerksamkeit, Eigeninitiative und Zivilcourage.
CDU-Fraktionschef Christian Baldauf sagte, die größte Gefahr im Umgang mit dem Nationalsozialismus sei neben dem Vergessen das "falsche Erinnern“. Neo-Nazis huldigten einer Ideologie, die sie nur bruchstückhaft oder gar nicht kennen würden. ..Wir müssen verhindern, dass dieses gefährliche Gedankengut über Kleidung und Musik auch langsam in Teile der normalen Jugendkultur sickert“.
Der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus wird in Deutschland seit 1996 begangen. Er war durch den damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog angeregt worden. Seit dem vergangenen Jahr gilt der 27. Januar auch international als Holocaust-Gedenktag.
 

 
       
Webseite des Landtags Informationen zur Vortragsveranstaltung
Broschüre des Landtages zu Veranstaltungen
vom 27. Januar 2007
Einladung zur Ausstellung

 


 

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