Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

Eröffnung der Ausstellung


Am 30. April 2007, 18.00 Uhr wurde die Ausstellung “;...gerade Dich, Arbeiter wollen wir. - Nationalsozialismus und freie Gewerkschaften im Mai 1933”. eröffnet. Veranstalter war die SPD Bendorf.
Passend zum Tag der Arbeit eröffnete der Förderkreis “Geschichte der Bendorfer Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften” eine Ausstellung über Nationalsozialismus und freie Gewerkschaften im Mai 1933.
Der Stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins Mahnmal Koblenz, Joachim Hennig, gab eine Einführung in die Ausstellung.

Joachim Hennig ( l .) bei der Eröffnungsrede. Fotos : Andreas Damion / Bendorf


Nachfolgend die Einführungsrede von Joachim Hennig:

Einführung in die Ausstellung:
"…gerade Dich, Arbeiter, wollen wir." Nationalsozialismus und freie Gewerkschaften im Mai 1933“

von Joachim Hennig
 
Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich möchte nicht noch einmal einzelne von Ihnen begrüßen, aber ein Gruß liegt mir doch am Herzen – und der muss sein. Ganz herzlich begrüßen möchte ich Frau Gertrud Roos. Frau Roos ist gebürtige Bendorferin und hat fast ihr ganz ganzes Leben in Bendorf verbracht. Sie ist Zeitzeugin der Ereignisse und Entwicklungen, auf die wir gleich zu sprechen kommen. Und überdies ist sie ein Opfer der Nazidiktatur. Hier in Bendorf wurde sie denun-ziert und anschließend ins Frauenkonzentrationslager Ravens-brück verschleppt. In der Dauerausstellung des Fördervereins Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz werden insgesamt 62 Personen aus Koblenz und Umgebung porträtiert. Eine von ihnen ist Frau Gertrud Roos. Es ist ein Glück und eine Verpflichtung für uns, wenn wir noch NS-Opfer unter uns haben. Es werden immer weniger, umso wichtiger ist es, Menschen wie Sie, liebe Frau Roos, bei solchen Veranstaltungen begrüßen zu können.

Ich freue mich, Sie heute in die Ausstellung „’… gerade Dich, Arbeiter, wollen wir.’- Nationalsozialismus und freie Gewerk-schaften im Mai 1933“ einführen zu dürfen. Man bat mich, zu Ihnen zu sprechen, vor allem um den Bogen von dieser Ausstel-lung zur heutigen Veranstaltung zu schlagen. Denn die Ausstellung wurde von der DGB-Jugend Hessen erarbeitet und da ist es schon hilfreich, Bezüge zu Bendorf und zu unserer Region herzustellen. Das will ich gern tun. Im Hinblick auf das Programm im Übrigen muss ich mich aber auf gut 20 Minuten Redezeit und auf einige Aspekte beschränken.

Der Titel der Ausstellung „… gerade Dich, Arbeiter, wollen wir.“ ist ein Zitat von Dr. Robert Ley vom 2. Mai 1933. Die Ausstel-lung will an die Ereignisse am 1. und 2. Mai 1933 erinnern. Schon dies sind Stichworte für ein Abend füllendes Programm. Daraus will ich 5 Fragen formulieren, auf die wir in der Kürze der Zeit eine Antwort finden wollen.
Frage 1: Warum beschäftigen wir uns überhaupt mit Geschichte? Gibt es nicht genug aktuelle Probleme, die uns auf den Nägeln brennen und die gelöst werden müssen?

Natürlich gibt es genug aktuelle Probleme. Das heißt aber nicht, dass man sich nicht auch mit der Geschichte beschäftigen sollte. Gerade die Zeit des Nationalsozialismus ist heute noch aktuell, es ist mit den Worten des Historikers Ernst Nolte „Vergangenheit, die nicht vergeht.“ Immer wieder ist die Rede von einem Schlussstrich, den man nun endlich ziehen soll. Davon reden manche Leute seit mehr als 50 Jahren. Es sind übrigens immer wieder dieselben Leute. Es sind vielfach dieselben Leute, die Verbrecher, Kriegsverbrecher, reinwaschen, ehren und gar als Gegner des Nationalsozialismus darstellen wollen. Als Stichworte sollen hier aus allerjüngster Zeit genügen: der „furchtbare“ Jurist Dr. Hans Karl Filbinger, für den „Was damals Recht war, nicht heute Unrecht sein (konnte)“, und sein Trauerredner und Apologet Günther Oettinger, beides Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg. Wir dürfen uns von diesen nicht unsere Geschichte umbiegen und verfälschen und auch nicht die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus rauben lassen. – Opfer, die – anders als Täter wie Filbinger – uns nahe standen und stehen. Diese historisch korrekte und mitfühlende Erinnerung sind wir auch heute noch den NS-Opfern schuldig.

Beispielhaft erwähnen möchte ich vier Bendorfer: Dr. Hans Bauer, bis 1933 Leiter der Bürgerschule in Bendorf, den Metallarbeiter Anton Gelhard aus Mülhofen und den Gewerkschaftssekretär Anton Gelhard aus Bendorf. Alle drei haben jahrelang Diskriminierung, Ausgrenzung, Bespitzelung, Verfolgung, Gefängnis und Konzentrationslager, Erniedrigung und Todesangst erlitten. Gegen Ende ihrer jahrelangen Verfolgung waren diese drei Bendorfer Widerstandskämpfer, die diesen Ehrennamen auch verdient haben, von 1938 bis 1945 in Konzentrationslagern, zuletzt alle drei im KZ Buchenwald – in Buchenwald, das die Häftlinge „Totenwald“ nannten. Zu diesen drei Bendorfern stieß im Herbst 1944 noch ein vierter Bendorfer: der Gutspächter Wilhelm Thönes vom Albrechtshof bei Bendorf. Thönes war Mitglied der Zentrumspartei gewesen und noch im Oktober 1944 den Nazis missliebig aufgefallen. Auch er wurde in „Schutzhaft“ genommen und kam ins KZ Buchenwald.

Höchstwahrscheinlich standen alle vier Bendorfer nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald vor ziemlich genau 62 Jahren auf dem Appellplatz dort und legten den „Schwur von Buchenwald“ ab. Dazu heißt es in einem Bericht eines Zeitzeugen:

Am 19. April 1945 fand die Trauerkundgebung für die Toten von Buchenwald statt. Ein großes Ehrenmal war auf dem Appellplatz errichtet. Die Blocks und Baracken waren mit Fahnen und Transparenten geschmückt. Die Fahnen fast aller Nationen wehten im Winde und zeigten, dass die Völker auch friedlich nebeneinander leben können. Unter den Klängen ihrer Nationallieder marschierten die Nationen auf. Russen, Polen, Tschechen, Slowaken, Jugoslawen, Österreicher, Ungarn, Rumänen, Engländer, Deutsche, Franzosen, Italiener, Spanier, Belgier, Holländer und Luxemburger.
Unter den Klängen der „Internationale“ marschierten die gemischten Blocks auf. 21.000 marschierten zum Gedächtnis für 60.000 tote Kameraden. Die Fahnen wurden vor dem Ehrenmal aufgestellt und neigten sich zum Gruß.
Der Vorsitzende des Internationalen Lagerkomitees, Walter Bartel, eröffnete die Kundgebung. Mit entblößtem Haupt gedachten die befreiten Häftlinge der Toten. Dann verlasen Mitglieder des Internationalen Komitees – jeder in seiner Sprache – den Aufruf:

Wir Buchenwalder, Russen, Franzosen, Polen, Tschechen, Slowaken und Deutsche, Spanier, Italiener und Österreicher, Belgier und Holländer, Engländer, Luxemburger, Rumänen, Jugoslawen und Ungarn, kämpften gemeinsam gegen die SS, gegen die nazistischen Verbrecher, für unsere eigene Befreiung.
Uns beseelte eine Idee: Unsere Sache ist gerecht – Der Sieg muss unser sein!
Wir führten in vielen Sprachen den gleichen harten, erbarmungslosen, opferreichen Kampf, und dieser Kampf ist noch nicht zu Ende. Noch wehen Hitlerfahnen! Noch leben die Mörder unserer Kameraden! Noch laufen unsere sadistischen Peiniger frei herum!
Wir schwören deshalb vor aller Welt auf diesem Appellplatz, an dieser Stätte des faschistischen Grauens:
Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht!
Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.
Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig. Zum Zeichen Eurer Bereitschaft für diesen Kampf erhebt die Hand zum Schwur und sprecht mir nach:
WIR SCHWÖREN!
21.000 Männer streckten die Hand zum Himmel und sprachen: „Wir schwören!“

Die Aufgaben, die sich die Überlebenden des NS-Terrors damals gestellt hatten, haben sich heute erledigt. Kein einziger Richter oder Staatsanwalt ist von einem deutschen Gericht für seine Verbrechen zur Rechenschaft gezogen worden. Auch Filbinger nicht. Im Übrigen hat sich inzwischen das Problem biologisch erledigt. Wenn überhaupt, dann stehen sie vor einem göttlichen Richter. Umso mehr sind wir Heutigen verpflichtet, die Erinnerung an die Opfer wach zu halten und ihr Vermächtnis weiter zu tragen – damit es – was der Journalist Ralph Giordano so plastisch beschrieben hat – nicht auch noch zur „zweiten Schuld“ - zur Schuld des Verdrängens und Umbiegens kommt.

Frage 2: Bei der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus und gerade bei der Ausstellung hier mit dem Fokus auf den 1. und 2. Mai 1933 stellt sich immer wieder die Frage: Wie konnte es dazu kommen?

Die Ausstellung gibt dazu vier Erklärungsansätze. Darin werden zur Diskussion gestellt: die Spaltung der Arbeiterbewegung, die brutale Unterdrückung jeder Opposition im „Dritten Reich“, die geringe Unterstützung der Weimarer Demokratie durch einflussreiche Eliten und die Weltwirtschaftskrise. Bei der so genannten Machtergreifung der Nazis spielten sicherlich alle diese Faktoren eine Rolle. Dazu kann man noch weitere rechnen, wie etwa das Trauma des verlorenen Ersten Weltkrieges, das Schüren und Mobilisieren tief sitzender Ressentiments und Vorurteile, die fast geniale Ausnutzung der aufkommenden Massenmedien und auch die große Distanz der Beamten- und Richterschaft zu der ersten Demokratie auf deutschem Boden.

Dass dies hier im Einzelnen nicht ausgebreitet werden kann – und zwar weder in der Ausstellung noch in der hier nur kurzen Ein-führung -, versteht sich von selbst. Lassen Sie mich stattdessen zwei Beispiele geben.

Beispiel 1: Dr. Robert Ley. Ley, von dem das Zitat stammt, das Titel der Ausstellung wurde, war vor der so genannten Macht-ergreifung der Nazis Gauleiter des NS-Gaues Köln-Aachen. Er war der Prototyp des rüpelhaften, radikalen Nationalsozialisten, der „Schlachten“ der SA anzettelte, die nichts anderes waren als schwerer Landfriedensbruch – und eher noch mehr. Als solcher war er auch Initiator des „Schwarzen Sonntag von Nastätten“. Für den 6. März 1927 hatte ein jüdischer Mitbürger von Nastätten dort zu einem Vortrag mit dem Thema: „Das wahre Gesicht des Nationalsozialismus“ eingeladen. Um diese Veranstaltung zu stören, karrte Ley auf zwei Lkws etwa 150 Nazis aus Köln, Wiesbaden, Neuwied, Koblenz und Lahnstein in das Taunusstädtchen Nastätten. Als sie dort eintrafen, hatte die örtliche Polizei die Veranstaltung schon wegen starken Andrangs beendet. Ley machte daraus eine Gegenveranstaltung und hielt von der Ladefläche des Lkws eine Propagandarede gegen die Juden. Seine SA-Leute marschierten unterdessen durch den Ort, griffen Juden an und verteilten Propagandamaterial. Es kam gar noch zu einem regelrechten Tumult mit Handgemenge, bei dem ein Nazi durch einen Polizisten zu Tode kam. Ley und seine Leute verließen dann Nastätten und drohten dabei noch einer jüdisch aussehenden Frau und ihren Kindern mit den Fäusten und riefen ihr zu: „Wir kommen wieder und schneiden den Juden die Hälse ab!“ – Nicht besser erging es übrigens Horchheim nach einer von den Nazis auf der Schmittenhöhe begangenen Sonnenwendfeier im Jahr 1930. Als sie von dort durch Horchheim marschierten, gerieten sie mit Mitgliedern des örtlichen Arbeitergesangvereins aneinander, die dort ihre Vorkirmes feierten und sich das Gehabe der Nazis verbaten und ihnen die Hakenkreuzfahne abnahmen. Ley mit 150 bis 200 SA-Leuten konnte die Hakenkreuzfahne zwar nicht zurückbeschaffen. Dafür randalierten die Nazis aber in Horchheim. Unter Johlen und Pfeifen warfen sie mit Steinen und Bierflaschen die Fensterscheiben der Häuser ein, die zur bevorstehenden Kirmes schon die Reichsflagge Schwarz-Rot-Gold gehisst hatten, und riefen: „Wir stecken das ganze Nest in Brand!“

Beispiel 2: Der so genannte Preußenschlag. Diese und weitere Vorfälle bildeten in Preußen den Anlass für das Verbot der SA. Das Verbot erfolgte aber sehr spät – im Frühjahr 1932 – und zu einer Zeit, als die von der SPD in Preußen geführte Regierung schon keine parlamentarische Mehrheit mehr hatte. Das Kabinett Braun blieb daraufhin nur noch geschäftsführend im Amt. Im Deutschen Reich war Heinrich Brüning als Reichskanzler zurückgetreten, sein Nachfolger wurde Franz von Papen. Dieser bildete ein so genanntes „Kabinett der nationalen Konzentration“ und hob das SA-Verbot auf. Das führte sogleich zu von der SA provozierte Straßenkämpfe. Diese wiederum nahm von Papen zum Anlass zum sog. „Preußenschlag“. Auf der Grundlage des Art. 48 Abs. 2 der Weimarer Reichsverfassung, des so genannten Diktaturparagraphen, setzte der greise Reichspräsident Paul von Hindenburg die preußische Regie-rung ab und Reichskanzler von Papen als Reichskommissar für Preußen ein. Papen enthob den Ministerpräsidenten Braun seines Amtes und übernahm die Führung des preußischen Ministerpräsi-diums. Es folgte eine Welle von Entlassungen republikanischer, demokratischer Beamter. Die Nazis waren mit dem Preußenschlag sehr zufrieden. Einen Tag später notierte Goebbels in sein Tagebuch: „Alles rollt wie am Schnürchen ab. (…) Die Roten haben ihre große Chance verpasst. Die kommt nie wieder…“ In der Tat markierte der „Preußenschlag“ vom 20. Juli 1932 einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der Weimarer Republik. Die kampflose Kapitulation der Linken hatte der Republik und dem Glauben an ihre innere Kraft das Rückgrat gebrochen.

Gleichwohl waren die freien Gewerkschaften und die SPD keineswegs untätig – und auch nicht hier in Bendorf. Bauer und die beiden Gelhards waren nicht nur Mitglieder der SPD sondern auch im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Ziel dieses nach den Farben der Weimarer Republik benannten Bundes war es, die Weimarer Republik und die Demokratie zu verteidigen und mit zu tragen und ihre Gegner mit deren eigenen Mitteln niederzukämpfen, damit die Republik endlich zu einem Staat der deutschen Republikaner werde. Immer wieder gab es große Kundgebungen des Reichsbanners, in der hiesigen Region vor allem in Koblenz. Einer der wichtigen Reichsbanner-Leute war dabei der Bendorfer Gewerk-schaftssekretär Ernst Rebber. Noch vor dem Preußenschlag und in Reaktion auf die im Herbst 1931 durch die „nationale Opposition“ gebildete „Harzburger Front“ kam es zur Bildung der Eisernen Front. In ihr sollten sich gegenüber der Harzburger Front die republikanischen Parteien und Gewerkschaften aller Richtungen unbeschadet ihrer verschiedenen Auffassungen in vielen Dingen zum Kampf gegen den Nationalsozialismus und für die Rettung der demokratischen Republik zusammenschließen. Dieser Schulterschluss gelang aber nicht: das Bürgertum versagte sich diesem Appell. Träger der Eisernen Front waren neben der SPD nur noch der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB) und das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Sinnfällig wurde dies an dem gemeinsamen Kampfsymbol, den drei Pfeilen: Zeichen für Partei, Gewerkschaft und Reichsbanner, d. h. für politische, wirtschaftliche und physische Macht der Arbeiterbewegung.

Einer der regionalen Hauptredner der Eisernen Front war der schon erwähnte Bendorfer Gewerkschafter Ernst Rebber. Ein anderer war der Vizepräsident der Rheinprovinz Dr. Wilhelm Guske. Guske, selbst Arbeitersohn und langjähriges Mitglied der SPD, war Stellvertreter des Oberpräsidenten der Rheinprovinz und einer der leitenden Verwaltungsbeamten im hiesigen Raum.

Guskes Schicksal und die Reaktionen hierauf können exemplarisch verdeutlichen, wie es damals um die Demokraten und die demokratische Gegenwehr stand. Es begann damit, dass Guske im Zuge des Preußenschlags als Vizepräsident der Rheinprovinz beurlaubt wurde. Mehr als eine kurze Notiz war der SPD-Zeitung „Rheinische Warte“ dieser Hinauswurf eines republikanischen Beamten nicht wert – obwohl schon damals vor ihm viele ausgewiesene Demokra-ten aus ihren Ämtern entfernt worden waren. Kaum hatten die Nazis am 30. Januar 1933 die Macht an sich genommen, wurde eben diese Rheinische Warte – wie ein dutzend SPD-Zeitungen in Preußen ebenfalls – vorübergehend verboten. Als sie wieder erschien, blieb ihr nur noch unter der Überschrift „Genosse Guske im Interesse der Festigung der verfassungsmäßigen republikanischen Staatsform in den Ruhestand versetzt“ zu vermelden:

„Zuerst glaubten wir an einen Karnevalsscherz. Durch Rückfragen haben wir dann aber festgestellt, dass das Preußische Staatsministerium, Kommissare des Reichs, den Genossen Guske aufgrund des § 3 Abs. 2 der Verordnung vom 26. Februar 1919 sofort in den einstweiligen Ruhestand versetzt hat. Der § 3 Abs. 2 wurde aufgrund des Republikschutzgesetzes vom 21. Juli 1922 der Verordnung eingesetzt (und sollte gerade die Republik vor Staatsfeinden von rechts schützen; Erg. des Verf.). Die ordentlichen Gerichte werden Gelegenheit haben, diese neupreußische Einschätzung der Republikaner zu prüfen. Weitere Ausführungen müssen wir uns im Hinblick auf die Pressenotverordnung versagen.“

Das war der Abgesang. Ein Karnevalsscherz war es nicht. Auch war der Hinweis auf die Überprüfung durch die ordentlichen Gerichte fehl am Platze. Diese Überprüfung gab es nicht – ganz abgesehen davon, dass man sich ganz ernstlich fragen musste, wie eine solche Überprüfung überhaupt ausgegangen wäre. Im Übrigen: Ein paar Tage später musste die Rheinische Warte ihr Erscheinen endgültig einstellen – und das wenige Tage vor der Reichstagswahl am 5. März 1933 – der letzten halbwegs legalen Wahl. – Nach den Reichstagswahlen ging es in diesem Stil schnell. So wurden schon am 9. März 1933 die Volkshäuser der Freien Gewerkschaften von der SA besetzt.

Frage 3: Warum umwarb Ley in dem Zitat gerade den deutschen Arbeiter?

In der Tat ist es befremdlich, dass Ley die deutschen Arbeiter umwarb bzw. umwerben musste. Denn vom Anspruch her hätten die deutschen Arbeiter in der NSDAP organisiert sein müssen. Gegründet wurde die NSDAP als „Deutsche Arbeiterpartei“, und sie hieß ja auch „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei“. Entgegen diesem Anspruch war die NSDAP aber eine eher kleinbürgerliche Protestbewegung. Auch als Massenpartei hatte sie ihre Wähler vor allem im bürgerlich-protestantischen Lager, weniger unter den Arbeitern und auch weniger unter den Katholiken.

Frage 4: Was war jetzt eigentlich los im Mai 1933?

Im Mai 1933 setzten die Nazis ihren Plan um, die Gewerkschaften zu zerschlagen und eine nationalsozialistisch geführte und staatlich reglementierte „Deutsche Arbeitsfront“ zu etablieren. Dies gelang auch erstaunlich gut, weil die Gewerkschaften nicht einheitlich organisiert waren. Es gab neben der kommunistischen RGO die sozialistischen, „freien Gewerkschaften“, die christlichen und die liberalen Gewerkschaften. Zudem hatten die Gewerkschaften durch die Weltwirtschaftskrise viele Mitglieder verloren und sie waren durch das Schwanken der politischen Parteien in ihrem Verhältnis zu Hitler selbst schwankend. Den sich daraus ergebenden Anpassungskurs nutzten die Nazis sehr geschickt aus.

Zunächst landeten sie einen propagandistischen Coup, indem sie den auch in der Republik nie offiziell anerkannten Arbeiterfeiertag, den 1. Mai, als „Tag der nationalen Arbeit“ zum Nationalfeiertag mit bezahlter Arbeitsruhe erklärten.

Ebenso geschickt geplant war die Zerschlagung der freien Gewerkschaften am folgenden Tag, am 2. Mai 1933. Schon morgens wurden in einer reichsweiten Aktion die Gewerkschaftshäuser besetzt und Gewerkschaftsführer in Schutzhaft genommen. Am selben Tag erließ der uns inzwischen bekannte Ley dann einen Aufruf, aus dem das Motto dieser Ausstellung entnommen ist. Etwas ausführlicher lautet das Zitat wie folgt:

Wir treten heute in den zweiten Abschnitt der nationalsozialistischen Revolution ein. Ihr werdet sagen, was wollt Ihr denn noch, Ihr habt doch die absolute Macht! Gewiss, wir haben die Macht, aber wir haben noch nicht das ganze Volk. Die Arbeiter haben wir noch nicht hundertprozentig, und gerade Dich wollen wir, wir lassen Dich nicht, bis Du in aufrichtiger Erkenntnis restlos zu uns stehst.

Und zynisch fuhr Ley dann fort:

Uns täuscht der schlaue Fuchs nicht! Lieber geben wir ihm einen letzten Fangschuss, als dass wir jemals wieder dulden würden, dass er sich erhebe. Die Leiparts und Graßmänner (Leipart und Graßmann waren 1. bzw. 2. Vorsitzender des ADGB) mögen Hitler noch so viel Ergebenheit heucheln - es ist besser, sie befinden sich in Schutzhaft.“

Am 5. Mai 1933 konnte Ley Hitler melden, dass sich alle Arbeiter- und Angestelltenverbände mit über 8 Millionen Mitgliedern bedingungslos unterstellt hätten. Denkwürdig ist dann der 10. Mai 1933: An diesem Tag erklärte sich Hitler zum Schirmherr der Arbeiterschaft. Gleichzeitig wurde die Deutsche Arbeitsfront (DAF) gegründet, Ley wurde ihr Führer. Am selben Tag wurde noch die Beschlagnahme des Vermögens der SPD und des Reichsbanners verfügt; davon waren auch alle Zeitungen betroffen. Am Abend des 10. Mai 1933 kam es dann noch zu den Bücherverbrennungen.

5. und letzte Frage: Wie ging es nach Mai 1933 weiter?

Der Mai 1933 hatte sehr nachhaltige Wirkungen: Gewerkschafter wurden in so genannte Schutzhaft genommen, andere konnten ins Ausland fliehen, wieder andere zogen sich ins Private zurück. Der erwähnte Bendorfer Gewerkschaftssekretär Rebber emigrierte ins Ausland und war dort im Kampf gegen Hitler-Deutschland aktiv. Widerstand in Deutschland leisteten nur einige. Dazu gehörten in Bendorf Hans Bauer, die beiden Gelhards und die Ehefrau des Mülhofener Gelhard. Es war ein im Wesentlichen individueller Widerstand, da die legalen Organisationsstrukturen zerschlagen und illegale nicht bzw. nicht in größerem Maße aufgebaut werden konnten.

Ein Sinnbild dafür ist das Foto der Ausstellung, das zwar keinen Widerstand, aber eine Verweigerungshaltung, eine Resistenz, zeigt – einen Arbeiter, der beim Stapellauf eines Schiffes im Jahre 1936 den Hitlergruß verweigert. Etwas Ähnliches, aber wesentlich Schwerwiegenderes gibt es auch von dem Mülhofener Anton Gelhard zu berichten. Nachdem dieser Mitte der 1930er Jahre wegen „Hochverrat“ zwei Jahre und sechs Monate Zuchthaus verbüßt hatte und im Anschluss daran auch noch ins KZ Dachau in sog.Schutzhaft gekommen war und auch seine Frau nach Verbüßung einer Freiheitsstrafe auch noch ins Frauen-Konzentrationslager Moringen verschleppt worden war, brachte dieser Mann an seinem Arbeitsplatz in der Schwemmsteinfabrik Frankfurt/Main GmbH hier in Bendorf noch den Willen und die Kraft zum weiteren Widerstand auf. In Anwesenheit von ausländischen Zwangsarbeitern drohte er – so der Bericht der Gestapo Koblenz - dem NS-Betriebsleiter tätlich und äußerte sich zu einem Betriebsappell wie folgt: „Hört auf mit Eurem Mist da oben und lasst die Leute arbeiten.“ Als einziger Arbeiter nahm er dann an dem anschließenden Betriebsappell nicht teil. Daraufhin wurde er verhaftet und kam vier Wochen lang in Schutzhaft. Einige Monate später nahm man ihn erneut in „Schutzhaft“ und verschleppte ihn ins KZ Buchenwald. Dort wurde er am 11. April 1945 mit Hans Bauer, Anton Gelhard aus Bendorf, Wilhelm Thönes und vielen tausend anderen Häftlingen befreit. Dann schwor er mit ihnen den „Schwur von Buchenwald“.

Damit schließt sich der Kreis. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und hoffe auf Ihr Interesse an der Ausstellung

 


 

 

Gedenkstunde zur Deportation

 

Am 10. März 2007 fand eine Gedenkstunde zur Deportation der 149 Sinti aus Koblenz am 10. März 1943 statt.
Die zum ersten Mal auf Initiative unseres Mitglieds Django Reinhardt organisierte Veranstaltung startete am Samstag, dem 10. März 2007, um 15.30 Uhr im Gemeindezentrum St. Franziskus in Koblenz- Goldgrube am Overbergplatz. Nach der Begrüßung durch Django Reinhardt und einer Einführung von Joachim Hennig wurden von Koblenzer Jugendlichen Texte vortragen und Szenen aus dem Musiktheater “ Von Schwarzen Augen und gelben Sternen” aufgeführt.
Die vom stellvertretenden Vorsitzenden des Fördervereins Mahnmal Koblenz Joachim Hennig dabei gehaltene Rede wird wie folgt dokumentiert:

Gedenkveranstaltung am 10. März 2007

Rede von Joachim Hennig

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Freunde,

wir gedenken heute zum ersten Mal am 10. März offiziell der Deportation von 149 Sinti aus Koblenz und Umgebung in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Über dieses Geschehen gibt eine kleine Notiz in den Akten des Polizeipräsidiums Koblenz. Diese lautet:

Staatliche Kriminalpolizei
Kriminalpolizeistelle Koblenz
1.K. (wohl: Kommissariat) Zig. (also: Zigeuner)
Koblenz, den 10. März 1943

Vermerk 
Gemäß VI 7 des Erlasses vom 29. Januar 1943 ist das KZ-Lager von dem Eintreffen jedes Transportes mit Fernschreiben in Kenntnis zu setzen.

Verfügung
1. Fernschreiben an die Kommandantur des Konzentrationslagers Auschwitz
Von Kriminalpolizeistelle Koblenz trifft am 11. März 1943 16.44 Uhr ein Transport Zigeuner von 149 Personen dort ein. 40 Männer, 44 Frauen, 65 Kinder.
Kriminalpolizeistelle Koblenz
In Vertretung
(Unterschrift)
Kriminalrat

Verfügung
2. Schreiben an die Geheime Staatspolizei
Staatspolizeistelle (Fernschreibstelle) in Koblenz
mit der Bitte um Weiterleitung.

Das war die Schreibtischarbeit hier in Koblenz, um damals 149 Mitbürger von Koblenz und Umgebung in die vollständige Erniedrigung und in den Tod zu schicken: Menschen, die hier sesshaft waren, die hier wohnten, die hier arbeiteten, die hier zur Schule gingen, die hier glücklich waren oder es unter den schlimmen Verhältnissen des Nationalsozialismus versuchten zu sein. Menschen wie du und ich – wie man so schön sagt. Sie waren Men-schen wie du und ich – und waren doch anders. Sie waren – um das oft zum Schimpfwort gewordene Wort zu gebrauchen – Zigeuner. Die Bibel lehrt uns: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Das ist ein sehr hehres, großartiges Ziel. Nur: Wer kann das schon? Muss das – so frage ich – wenn wir auch in einem christlich geprägten Land leben aber auch sein? Reicht es nicht, wenn wir den anderen in seinem Anderssein akzeptieren und schätzen, ihn als eine Bereicherung sehen und miteinander so umgehen? Natürlich müssen auch dabei gewisse Spielregeln anerkannt werden.
Von diesen Gedanken war man meilenweit entfernt, als man am 10. März 1943 die 149 Sinti aus Koblenz und Umgebung ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verschleppte. Wie konnte es dazu kommen?

Verantwortlich dafür waren natürlich die Nazis mit ihrer menschenver-achtenden Rassenideologie. Aber die Nazis waren nicht die Urheber und „Erfinder“ dieser Ideologie – sie waren es „lediglich“, die diese radikalisierten und mit ihr zig und zig Tausende von Verbrechen begangen.

Die Anfänge dieser Verbrechen liegen weit zurück. Es ist heute nicht der Anlass und die Zeit, um diese Geschichte hier zu erzählen. Das kann ein anderes Mal geschehen. Mir geht es heute nur darum, klarzumachen, dass Auschwitz nicht aus dem Nichts entstanden ist. Dies hat der Landtagspräsident Joachim Mertes am 27. Januar 2007 in der Sondersitzung des Landtages am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus sehr eindrücklich herausgestellt. 

Viele von Ihnen kennen Djangos Vater, Daweli Reinhardt, und auch das Buch, das Daweli und ich zusammen gemacht haben: „Hundert Jahre Musik der Reinhardts – Daweli erzählt sein Leben.“ Dieses Buch erzählt die Geschichte von unten. Von den sog. kleinen Leuten und den Opfern des Nationalsozialismus. Lassen Sie mich hier in aller Kürze das Gegenstück zu Dawelis Geschichte liefern: die Geschichte der Herrschenden, der Unterdrücker und Verbrecher, die den deutschen Zigeunern – den Sinti – Unter-drückung, Ausgrenzung, Kriminalisierung, Mord und Totschlag in den letzten gut einhundert Jahren gebracht haben.

Am 17. Februar 1906 erging die preußische „Anweisung zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens“. Damit sollten alle „ausländischen Zigeuner“ am Grenzübertritt nach Preußen gehindert werden. „Ausländische Zigeuner“ waren die, die nicht zweifelsfrei die deutsche Reichsangehörigkeit nachweisen konnten. Im Übrigen sollten die Sinti und Roma bei ihrem Umherziehen dauernd von der jeweiligen Gemeindepolizei beobachtet und bewacht wer-den. Angestrebt war ein die Gemeindegrenzen übergreifendes, lückenloses Überwachungsnetz. Auch sollten die großen Zigeunerfamilien zerschlagen und aufgelöst werden. Verboten war deshalb ein „bandenweises Umher-ziehen“. Außerdem sollten „verwahrloste Zigeunerkinder“ in Fürsorgeerziehung überwiesen werden. Bei der Ausstellung von Personalpapieren und Wandergewerbescheinen sollte – wie es hieß – „besondere Zurückhaltung“ geübt und die Erlaubnis zu Schaustellungen möglichst untersagt werden. Im Anhang zu dieser Anweisung gab es noch eine Liste mit Strafbestimmungen, die „besonders gut gegen Zigeuner“ anwendbar sein sollten. Durch diesen Erlass war es den Sinti und Roma kaum mehr möglich, ihre fahrende Lebensweise aufrechtzuerhalten, ohne in irgendeiner Form gegen diese Bestimmungen zu verstoßen.

In Ausführung dieser Anweisung machten die Regierungspräsidenten – auch der Regierungspräsident in Koblenz – den Landräten und Oberbürgermeistern die „genaue Befolgung der Anweisung zur besonderen Pflicht“. Die Bevölkerung wurde angehalten, beim „Auftreten von Zigeunern sofort Anzeige“ zu erstatten. Über jeden einzelnen Fall auftretender „Zigeunerhorden“ sollte dem Regierungspräsidenten umfassend anhand eines detaillierten Meldeformulars berichtet werden.

Im Jahr 1920 verbot ein Erlass des Ministers für Volkswohlfahrt den Aufenthalt von Zigeunerinnen und Zigeunern in Heilbädern, Kurorten und Erholungsstätten.

Im Jahr 1927 verlangte der Minister für Landwirtschaft – angeblich zur Verhütung von Seuchen –, dem „Umherziehen der Zigeuner … ohne eine besondere Seuchengefahr mit allen Mitteln“ entgegenzutreten.

Noch im selben Jahr ordnete der preußische Innenminister die Ausgabe von „Bescheinigungen“ als Sonderausweise für Sinti und Roma an. Gleichzeitig sollten alle nicht sesshaften Sinti und Roma ab dem 6. Lebensjahr fotografisch und mit den Fingerabdrücken erfasst werden. Noch im selben Monat führte die Polizei in ganz Preußen eine Razzia auf „Zigeuner und nach Zigeuner Art Umherziehende“ durch, um sie zu erfassen und Sonderausweise auszustellen.

Am 30. Januar 1933 kam es dann zu der so genannten Machtergreifung der Nationalsozialisten. Sehr bald begannen die Behörden vor Ort, die ohnehin harten Bestimmungen gegen die Sinti und Roma noch zu verschärfen.

Noch im selben Jahr erging das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Das war die Grundlage für die Zwangssterilisation so genannter Erbkranker. Obwohl sie im Gesetzestext nicht eigens erwähnt wurden, wurden zum Teil auch „Zigeuner“ nach diesem Gesetz zwangssterilisiert. 

Im September 1933 wurde von SA und SS eine landesweite Razzia zur so genannten Bettlerwoche durchgeführt. Dabei wurden auch zahlreiche Sinti und Roma verhaftet und in Arbeitshäuser und auch in Konzentrationslager interniert.

Am 19. September 1935 ergingen die so genannten Nürnberger Gesetze. Das war einmal das „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“. Danach waren Ehen oder Geschlechtsverkehr zwischen Staatsan-gehörigen „deutschen oder artverwandten Blutes“ und Juden und auch „Zigeunern“ verboten und unter Strafe gestellt. Nach dem ebenfalls erlassenen „Reichsbürgergesetz“ konnte nur „Reichsbürger“ sein, wer „Staatsangehöriger deutschen oder artverwandten Blutes“ war. Sinti und Roma konnten danach nicht „Reichsbürger“ sein. Mit der 12. Verordnung zum „Reichsbürgergesetz“ von 1942 wurden die meisten von ihnen zu Staatenlosen erklärt. 

Im Frühjahr 1936 wurde die „Rassenhygienische und bevölkerungsbiologische Forschungsstelle beim Reichsgesundheitsamt“ unter Leitung von Dr. Robert Ritter gegründet. Diese Stelle hatte die Aufgabe, sämtliche im Deutschen Reich lebenden Sinti und Roma aufzuspüren und nach rassischen Kriterien in „Zigeuner“, „Zigeunermischlinge“ und „Nichtzigeuner“ zu selektieren.

Noch im selben Jahr erging der Runderlass zur „Bekämpfung der Zigeuner-plage“. Darin wurden die Behörden angehalten, mit allen gesetzlichen und polizeilichen Mitteln gegen Zigeuner vorzugehen und keine Wandergewerbescheine mehr auszustellen. Verwahrloste Kinder sollten der Fürsorgeerziehung übergeben werden. Darüber hinaus war die „zwangsweise Sesshaftmachung an einem bestimmten Ort“ sowie die ständige Überwachung und Erfassung vorgesehen.

Im Dezember 1937 erging der Erlass des Reichsführers- SS Himmler zur „vorbeugenden Verbrechensbekämpfung“. Mit diesem Erlass konnte jeder, der „durch sein asoziales verhalten die Allgemeinheit gefährdet“ in „polizeiliche Vorbeugehaft“, also ins Konzentrationslager gebracht werden.

Im Juni 1938 veranstaltete Himmler die reichsweite „Aktion Arbeitsscheu Reich“. Danach sollte jede Kriminalpolizeileitstelle aus ihrem Bezirk mindestens 200 „arbeitsfähige männliche Personen“ ins KZ einweisen. Verhaftet wurden danach auch Sinti, „wenn sie keinen Willen zur geregelten Arbeit gezeigt haben oder straffällig geworden sind“. 

Im August 1938 gab es dann den „Zigeunerschub“ von der Westgrenze“. Der Oberpräsident der Rheinprovinz ordnete einen allgemeinen „Fahndungstag für Zigeuner“ an. Zigeuner im linksrheinischen Gebiet sollten festgenommen und nach Mitteldeutschland verschleppt werden. Von dieser Aktion waren auch Koblenzer betroffen. Das waren 11 Schausteller und ihre Familien sowie 16 Sinti und ihre Familien. Unter ihnen war auch Dawelis Familie und Daweli selbst – als sechsjähriges Kind. Diese Aktion wurde aber schon nach einigen Tagen wieder abgebrochen, weil sie unkoordiniert war. Die Sinti und Schausteller kehrten daraufhin nach Koblenz zurück.

Ende 1938 erließ der Reichsführer-SS Himmler einen neuen Erlass zur „Bekämpfung der

Zigeunerplage“. Danach sollte „die Regelung der Zigeunerfrage aus dem Wesen dieser Rasse heraus in Angriff (genommen werden)“. Alle Zigeuner, die das 6. Lebensjahr vollendet hatten, waren erkennungsdienstlich zu behandeln und nach „rassenbiologischen“ Gesichts-punkten in „Zigeuner“, „Zigeunermischlinge“ und „nach Zigeuner Art umherziehende Personen“ zu selektieren. Mit dieser Aufgabe wurde die „Reichsstelle Ritter“ beauftragt.

Nach den Ausführungsbestimmungen waren die Sinti und Roma ständig zu kontrollieren und der Kriminalpolizeistelle zu melden. Es wurden spezielle Bearbeiter für Zigeunerfragen abgestellt. Bald wurden entsprechend der jeweiligen „rassischen Einstufung“ neue „Zigeunerausweise“ ausgegeben: Für „rassereine Zigeuner“ braune, für „Zigeunermischlinge“ braune mit einem hellblauen Querstreifen und für „nach Zigeuner Art Umherziehende“ graue Ausweise.

Am 17. Oktober 1939 erging dann der so genannte Festsetzungserlass. Darin wurde angekündigt, dass die „Zigeunerfrage binnen kurzem im gesamten Reichsgebiet“ geregelt werde. Es wurde angeordnet, dass alle „Zigeuner und Zigeunermischlinge bis auf weiteres ihren Wohnsitz oder jetzigen Aufenthaltsort nicht zu verlassen“ haben. Bei Zuwiderhandlung drohte die Einweisung in ein Konzentrationslager.

1940 kam es dann zur so genannten Mai-Deportation. In der Zeit vom 16. bis 21. Mai 1940 wurden 2.800 west- und norddeutsche Sinti und Roma in das von Deutschland besetzte Polen, das „Generalgouvernement“ verschleppt. Von ihrem Eigentum durften sie nur „Handgepäck“ mitnehmen. In den Sammellagern wurden sie nummeriert und die Ziffern in die Ausweispapiere und auf die Haut gestempelt. Von den Koblenzer Sinti wurden am 17. Mai 1940 knapp 80 zuerst in das Sammellager auf dem Kölner Messegelände und dann von dort aus in das Generalgouvernement deportiert.

Mitte 1942 wurden jugendliche „Zigeuner und Zigeunermischlinge“ aus der Hitler-Jugend entlassen. Auch durften diese aus „rassenpolitischen Gründen“ nicht – auch nicht als Freiwillige – in den aktiven Wehrdienst aufgenommen werden.

Am 16. Dezember 1942 schließlich erging der so genannte Auschwitz-Erlass des Reichsführers-SS Himmler.

 

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