Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

Ein Hinweis: Im Jahre 2003 gab es diese Webseite noch nicht. Um die Informationen seit der Vereinsgründung aber vollständig zu übermitteln wählen wir hier die Berichtsform.

 

Unser Förderverein hatte schon sehr früh die Idee, eine Ausstellung zum Thema „Verfolgung und Widerstand in Koblenz (und Umgebung) 1933 – 1945“ zu initiieren. Nach Gesprächen mit Vertretern der drei in Koblenz ansässigen Archive (Stadtarchiv, Landeshauptarchiv und Bundesarchiv) mussten wir aber im Jahr 2000 ein solches Projekt aus Kostengründen aufgeben.

Ganz war die Idee aber nicht gestorben. Wachgehalten wurde sie durch die Beteiligung von Joachim Hennig an der Erarbeitung des regionalen Teils zur Wanderausstellung „Standhaft trotz Verfolgung. Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime“ im Mai 2001 und die Präsentation der Ausstellung der Stiftung Scheuern „… vergiss mich nicht und komm …“ über die Krankenmorde der NS-Euthanasie“ am Beispiel der Heil- und Pflegeanstalt Scheuern zum Gedenktag am 27. Januar 2002.

Daraus entstand das Konzept, zum nächsten Gedenktag, dem 27. Januar 2003, eine Wanderausstellung in Koblenz zu präsentieren und sie durch einen regionalen Teil zu ergänzen. Gedacht, getan. Zum Gedenktag am 27. Januar 2003 zeigten wir die Wanderausstellung des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933 – 1945 mit dem Thema „Frauen im Konzentrationslager 1933 – 1945. Moringen – Lichtenburg – Ravensbrück“. Dieser werden auf ebenso vielen einzelnen Tafeln 51 Frauen aus Deutschland, Polen, Tschechien u.a. porträtiert, die in diesen Frauen-Konzentrationslagern inhaftiert waren. Dazu erarbeitete Joachim Hennig Porträts von insgesamt 12 Frauen aus Koblenz und Umgebung, die ebenfalls in diesen Frauen-Konzentrationslagern eingesperrt waren. Dabei lehnte er sich – natürlich mit Erlaubnis des Studienkreises Deutscher Widerstand – an das Layout der Wanderausstellung an. Dies machte es möglich, die 12 einzelnen Personentafeln von Frauen kostengünstig durch einen örtlichen Copyshop – und nicht durch ein Grafikbüro – herstellen zu lassen. Unter diesen 12 Biografien war auch die von Anna Speckhahn, der mutigen Frau aus dem Rauental, die für die Pfarrgemeinde St. Elisabeth der Anstoß zur Gründung unseres Fördervereins war.

Ergänzend zu diesen 12 Personentafeln erarbeitete Joachim Hennig jeweils eine Lesemappe. Diese enthielt weitere Informationen zu der betreffenden Person. Sie begann mit der Wiedergabe der Personentafel und zeigte weitere Fotos und Dokumente: Je nach noch vorhandenen Unterlagen waren das Haftbefehle oder andere offizielle Schreiben aus der NS-Zeit, Briefe, Zeitungsartikel und anderes mehr sowie Literaturangaben. Dies alles war mit verhältnismäßig geringen finanziellen Mitteln möglich, als kleiner und finanzschwacher Verein waren wir aber trotzdem auf Zuschüsse zu den Herstellungskosten angewiesen, die wir auch erhielten.

Am 27. Januar 2003 standen Frauen im Vordergrund, die in Konzentrationslager verschleppt worden waren. Zu diesem Thema zeigte der Förderverein die Wanderausstellung des Studienkreises Deutscher Widerstand „Frauen im Konzentrationslager 1933 – 1945. Moringen – Lichtenburg – Ravensbrück“. Zu dieser Ausstellung erarbeitete das Mitglied des Fördervereins Joachim Hennig eine Koblenzer Ergänzung. In dieser porträtierte er 12 Frauen aus Koblenz und Umgebung, die ebenfalls in den Konzentrationslagern Moringen, Lichtenburg und Ravensbrück inhaftiert waren. Zur Eröffnung der Ausstellung im Haus Metternich in Koblenz hielt Joachim Hennig die nachfolgend dokumentierte Rede:

Einführung in die Ausstellung
„Frauen im Konzentrationslager 1933 – 1945 Moringen – Lichtenburg – Ravensbrück“  und ihre Koblenzer Ergänzung
am 27. Januar 2003 von Joachim Hennig


Sehr geehrte Damen und Herren!
Nach der „Statio“ am Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz und nach dem Gedenkgottesdienst in der Liebfrauenkirche kommen wir zum dritten Teil der heutigen Veranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus, der Ausstellung „Frauen im Konzentrationslager 1933 – 1945. Moringen – Lichtenburg – Ravensbrück“ und ihrer Koblenzer Ergänzung.

Die Namen Moringen, Lichtenburg und Ravensbrück stehen beispielhaft für die Verfolgung von Frauen im Nationalsozialismus. Es sind die Namen von Frauen-Konzentrationslagern, die die Nationalsozialisten nacheinander einrichteten.

Das erste dieser speziellen Konzentrationslager für Frauen war das KZ Moringen bei Göttingen. Es entstand aus dem „Interesse“ der Nazis heraus, politische Gefangene längerfristig in „Schutzhaft“ zu halten. Die ersten Frauen trafen dort am 3. Juni 1933 ein – gerade vier Monate nach der sog. Machtergreifung, die sich in wenigen Tagen zum 70. Mal jährt. Es begann mit zwei Frauen, den Kommunistinnen Marie Peix und Hannah Vogt. In der Folgezeit wurde Moringen das zentrale KZ für Frauen in Preußen. Im November 1937 waren in Moringen schon 446 Frauen inhaftiert.

Bald darauf wurde ein neues Konzentrationslager eingerichtet, das Frauen-KZ Lichtenburg bei Prettin an der Elbe. Am 15. Dezember 1937 verschleppte man 200 Frauen aus Moringen nach Lichtenburg, am 21. Februar 1938 folgten 150 Frauen und am 21. März 1938 noch einmal 168. Das KZ Lichtenburg bestand dann bis Mai 1939. Bei dessen Auflösung waren etwa 1.000 weibliche Gefangene inhaftiert. Den größten Anteil bildeten die „Ernsten Bibelforscherinnen/-Zeuginnen Jehovas“ mit 386 Häftlingen. 240 Gefangene waren als sog. Asoziale und 119 als „Kriminelle“ stigmatisiert. 114 waren „politische Gefangene“ und 98 Frauen waren wegen „Rassenschande“ inhaftiert.

Viele der politischen Gefangenen hatten wegen ihrer Arbeit im Widerstand zu diesem Zeitpunkt im Frühjahr 1939 bereits eine mehrjährige Strafe verbüßen müssen. Eine von ihnen war die Kommunistin Anneliese Hoevel. Sie war seit September 1933 bis auf eine Unterbrechung von einem halben Jahr in Haft. Zunächst war sie in „Schutzhaft“ in Moringen, dann drei Jahre im Zuchthaus. Von dort aus überführte man sie unmittelbar wieder ins KZ Moringen. Am 15. Dezember 1937 kam sie mit der ersten Gruppe von Frauen „auf Transport“ ins neu eingerichtete KZ Lichtenburg. Am 20. April 1939 (am sog. Geburtstag des „Führers“) wurde sie aus dem KZ entlassen. Sie ging dann zu ihrem Ehemann André nach Berlin und kurz darauf mit ihm nach Koblenz. Ende 1941 verhaftete die Gestapo beide hier in Koblenz. Sodann wurden sie wegen Abhörens ausländischer Sender und der Diskussion im kleinen Kreis über den Krieg zum Tode verurteilt und im Gefängnis Frankfurt/Main-Preungesheim hingerichtet. An beide Widerstandskämpfer erinnert heute hier in Koblenz die Hoevelstraße.

Während Anneliese Hoevel aus dem KZ Lichtenburg entlassen wurde, wurden einen Monat später 867 Häftlinge von dort nach Ravensbrück in die Nähe des mecklenburgischen Städtchens Fürstenberg transportiert, um das Frauen-KZ Ravensbrück aufzubauen.

Im Frühjahr 1939 wurde das KZ Ravensbrück mit etwa 1.000 Frauen „in Betrieb“ genommen. Bis zur Befreiung Ende April 1945 mussten dort ca. 130.000 Frauen zusammengepfercht und unter großen Leiden leben und viele von ihnen sterben. Es waren Frauen aus 23 Nationen, Frauen jüdischer Herkunft, Frauen aus dem Volk der Sinti und Roma, Frauen, die für eine politische Idee standen und für ihren Glauben eintraten, Frauen aus dem deutschen Widerstand, Frauen aus den von Nazi-Deutschland besetzten und unterworfenen Ländern. Alles in allem ca. 130.000 Frauen allein im KZ Ravensbrück – und angefangen hatte alles mit zwei Kommunistinnen Anfang Juni 1933 im KZ Moringen.

„Schwestern, vergesst uns nicht, vergesst nicht die Toten von Ravensbrück, damit die Tränen, die die Frauen geweint, die Qualen, die sie gelitten, ihre schreckliche Angst und ihr Sterben nicht umsonst waren.“ So beginnt das Vermächtnis der Frauen von Ravensbrück. Wir sind heute auf das Vermächtnis der Toten, auf die Erinnerung und Überlieferung der Überlebenden angewiesen. Nur so bleibt das Grauenvolle, das Menschen Verachtende des NS-Regimes lebendig. Doch viele Fragen bleiben ohne Antwort, werden immer ohne Antwort bleiben. Es ist und bleibt unvorstellbar, wie Frauen „durch Arbeit vernichtet“ wurden, wie sie für sinnlose medizinische Experimente missbraucht und getötet wurden, wie ihre Kinder, die in diese Hölle hineingeboren und noch kaum angefangen hatten zu leben, unschuldig zu Tode gequält wurden.

Erfahrbar wird das unendliche Leid der dort inhaftierten Frauen näherungsweise für uns heute allenfalls anhand von Lebensbeschreibungen, von Biografien verfolgter Frauen. Dieser Aufgabe hat sich die vom Studienkreis Deutscher Widerstand in Frankfurt am Main erarbeitete Ausstellung angenommen. Sie stellt insgesamt 51 Frauen dar, die aus unterschiedlichen Gründen und aus mehreren Ländern in den Frauenkonzentrationslagern Moringen, Lichtenburg und Ravensbrück inhaftiert waren. Eine dieser Frauen ist Anneliese Hoevel.

Neben diesen Ausstellungstafeln werden hier vom Studienkreis auch Handarbeiten und andere Gegenstände gezeigt, die von den Frauen im KZ unter schwierigsten Bedingungen angefertigt wurden. Sie finden diese in der Vitrine dort drüben. Außerdem liegen neun Lesemappen zu bestimmten Themen bereit, wie „Die Würde bewahren, Solidarität und Widerstand“, „Medizinische Experimente“, „Zwangsprostitution“ u.a.m.

Die Ausstellung des Studienkreises war für mich Anstoß, über im KZ verfolgte Frauen aus Koblenz und Umgebung einen regionalen Teil zu erarbeiten. Ich habe – zum Teil auch mit Hinweisen anderer mit dieser Thematik beschäftigter Personen - 12 Lebensbilder von Frauen aus Koblenz und Umgebung erstellt, die in Moringen und Lichtenburg vor allem aber in Ravensbrück inhaftiert waren. Diese Frauen, von denen einige auch hier in Koblenz lebten, wurden zum ganz überwiegenden Teil in Koblenz durch Gestapo und Gerichte verfolgt und von Koblenz aus in die Konzentrationslager verschleppt. Der Anlass für die Nazis, sie zu verfolgen, war vielfältig: Teils war es ihre politische Gesinnung oder ihr christlicher Glaube, teils ihre andere „Rasse“, manchmal ihre Nonkonformität, ihr widerständisches Verhalten, ihre Arbeitsverweigerung oder ganz generell ihr Anderssein. Die älteste dieser ins KZ verschleppten Frauen war 67 Jahre alt, die jüngste 19.

Biografiert werden die bereits bei der „Statio“ am Mahnmal genannten Frauen. Um diesen Frauen, die im KZ nur als Häftlingsnummer existierten, ihren Namen zurückzugeben, seien sie hier noch einmal genannt. Dabei freue ich mich, dass Angehörige dieser Frauen und ihrer Opfergruppe unter uns weilen. Ihnen allen gilt ein ganz spezielles „herzlich Willkommen“. Diese 12 Frauen sind:

  • Die bereits erwähnte Kommunistin Anneliese Hoevel. Ein Neffe von Anneliese Hoevel, Herr Ernst Heep, ist mit seiner Familie unter uns.
  • Die Schönstätterin Charlotte Holubars.
  • Die weitere Schönstätterin Maria Hilfrich. Die Erinnerung an diese Schönstätterinnen wird von der Schönstatt-Bewegung seit vielen Jahren gepflegt. Unter uns hier erkenne ich auf Anhieb gleich mehrere Frauen von der Schönstatt-Bewegung.
  • Die Zeugin Jehovas Auguste Schneider.
  • Die weitere Zeugin Jehovas Johanna Müller. Auch die Zeugen Jehovas halten inzwischen die Erinnerung an ihre Glaubensschwestern wach. Wenn ich mich umsehe, erkenne ich ebenfalls einige Zeugen Jehovas unter uns.
  • Die Jüdin Hilde Emmel.
  • Die weitere Jüdin Selma Grünewald. Auch von Frau Grünewald weilt eine Verwandte unter uns.
  • Die Pfarrerstochter Elisabeth Müller. Einen sehr viel weiteren Weg als die bisher erwähnten Gäste hatte die Nichte von Elisabeth Müller. Frau Margarete Müller, ist eigens zu der heutigen Veranstaltung aus Baden-Baden angereist. Begleitet wird sie von ihrer Tochter, Frau Veronique Henn.
  • Julianna Salzmann, die Ehefrau eines kommunistischen Gewerkschafts-funktionärs.
  • Die katholische Frau und Mutter Anna Speckhahn.
  • Die angeblich schwachsinnige und sog. asoziale Maria K.
  • Und schließlich die noch lebende Zeitzeugin Gertrud Roos. Frau Roos wäre trotz ihres Leidens sehr gern ebenfalls heute gekommen. Eine wichtige Familienfeier, die sie nicht absagen konnte, hat sie aber daran gehindert.


Diese 12 Frauen werden – abgesehen von Anneliese Hoevel – erstmals auf Ausstellungstafeln biografiert. Zudem habe ich für jede Frau eine Lesemappe erstellt, in der weitere Informationen zu den einzelnen Schicksalen enthalten sind.
Ergänzt wird dieser Koblenzer Teil durch einen Anhang zum Thema „Flußbach“. „Flußbach“ war ein Frauenstraflager in der Nähe von Wittlich. In ihm waren von 1942 bis 1944 etwa 2.000 Frauen inhaftiert. Viele von ihnen sind nach Ravensbrück verschleppt worden.
Diese regionale Ergänzung der Ausstellung konnte durch die finanzielle Unterstützung der Landeszentrale für politische Bildung und des Ministeriums für Bildung, Frauen und Jugend Rheinland-Pfalz erarbeitet werden. Realisiert wurden die Tafeln wie auch die sie ergänzenden Lesemappen von der Firma Copy Print Service (CPS). All diesen und anderen ungenannt gebliebenen Personen und Institutionen danke ich namens des Fördervereins für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz sehr herzlich. Wir hoffen, dass wir Ihnen eine beeindruckende Ausstellung über „Frauen im Konzentrationslager“ einschließlich des regionalen Teils vorstellen können.

Wollen wir uns jetzt das Ergebnis gemeinsam ansehen! Ich danke Ihnen für Ihr Interesse und Ihre Aufmerksamkeit.

Diese 12 Personentafeln mit Biografien von Frauen nahmen wir dann zum Anlass, die Dauerausstellung unseres Fördervereins zu begründen. Um von vorn herein die Vielfalt und Breite der Verfolgung und des Widerstandes in Koblenz und Umgebung zu dokumentieren, erarbeitete Joachim Hennig noch fünf weitere Biografien mit Schicksalen von Männern und einer Familie. Diese 17 Personentafeln wurden dann unsere Dauerausstellung von NS-Opfern aus Koblenz und Umgebung. Die Schirmherrin der Dauerausstellung wurde Frau Gunhild Schulte-Wissermann, die Ehefrau des damaligen Oberbürgermeisters Dr. Eberhard Schulte-Wissermann. Frau Wissermann war uns und dem Thema spätestens durch die Vorträge von Joachim Hennig bei der Volkshochschule Koblenz verbunden, die sie viele Jahre besuchte. Die Ausstellung eröffneten wir mit unserer Schirmherrin im Mai 2003 im Medienladen im Kurt-Esser-Haus am Hauptbahnhof. Mit wechselnden Ausstellungsteilen konnten wir diese bis Ende 2015 dort präsentieren.

Rhein-Zeitung v.17/18 Mai 2003 (lesbare Version mit Klick ins Bild)

 

Es war auch Frau Gunhild Schulte-Wissermann, die den Kontakt zu dem Koblenzer Sinto Daweli Reinhardt herstellte. Im Spätwinter 2003 sprach sie Joachim Hennig nach einem seiner Vorträge über NS-Opfer aus Koblenz und Umgebung an, warum er eigentlich keine Sinti porträtiere. Als Hennig darauf antwortete, er kenne keine und wisse von den Einzelschicksalen nichts, wurde Frau Schulte-Wissermann aktiv. Über Django Reinhardt, den sie als Vorsitzende des Vereins Django Reinhardt Music-Friends gut kannte, stellte sie den Kontakt zu Djangos Vater, Daweli Reinhardt, her.

Der damals 70-jährige Daweli Reinhardt, der seine Lebensgeschichte nicht öffentlich gemacht hatte, war schnell für ein Gespräch mit Joachim Hennig zu begeistern. So kam es, dass sich Daweli und seine Frau Waltraud („Trautchen“) und Joachim Hennig auf Einladung (und köstlicher Bewirtung!) von Frau Schulte-Wissermann wohl ab März im Hause Schulte-Wissermann trafen. Dabei erzählte Daweli sein Leben. Es war eine eindrucksvolle Geschichte, die Daweli aus „Hundert Jahren Familie Reinhardt“ – so der Titel des daraus entstandenen Büchleins – vor seinen Zuhörern ausbreitete. Es war ein Erlebnis, wie Daweli sehr genau und plastisch die Kinderjahre in Koblenz und seine Haft in verschiedenen Konzentrationslagern, die mit der Deportation der ganzen Familie am 10. März 1943 von Koblenz aus begann, schilderte. Nur selten kam es vor – aber wenn, dann an den genau richtigen Stellen -, dass seine Frau Trautchen ihn fragte: „Sag mal, Daweli, war das damals wirklich so oder war das vielleicht anders?“. Und dann kam Dawelis Ergänzung bzw. Korrektur postwendend und genauso plastisch und detailreich wie auch sonst.

Diese Interviews wurden auf Tonband aufgezeichnet. Joachim Hennig hörte sie umgehend ab und erarbeitete daraus eine Biografie. Das geschah unter erheblichem Zeitdruck, denn das Büchlein sollte am 30. Juni 2003 fertig sein, an diesem Abend sollte ein letztes großes Konzert für und mit Daweli Reinhardt stattfinden. Noch im Nachhinein „kribbelt“ Joachim Hennig bei dieser Zeitplanung. Denn unter diesem Druck war keine Zeit für umfangreiche Recherchen. Zwar hatte sich Hennig schon zuvor und dann auch begleitend zu den Interviews eingehend mit der Verfolgungsgeschichte der Sinti beschäftigt, aber zur Recherche über das persönliche Schicksal Dawelis und seiner Familie blieb es keine Zeit. So musste – ganz unwissenschaftlich – Dawelis Biografie ohne Absicherung durch objektive Quellen entstehen. Das Faszinierende auch daran war, dass Hennigs spätere eingehende Recherchen voll und ganz die Richtigkeit und Plausibilität Dawelis Angaben bestätigten – auch die unwahrscheinlichsten: Dawelis Erzählung war nicht nur sehr detailgenau und plastisch, sondern auch historisch „richtig“ und plausibel.

Und dabei beschränkten sich Dawelis Erzählungen nicht auf die 12 Jahre NS-Zeit. Vielmehr berichtete er von den „Hundert Jahren Musik der Reinhardts“. Einen großen Teil seiner erzählten Lebensgeschichte nahmen dabei die Nachkriegszeit und seine Zeit als „Alleskönner“ und als werdender und allseits anerkannter Musiker ein.

Mit viel Glück gelang es dann aber doch, rechtzeitig zum großen Konzert mit und für Daweli auf der Festung Ehrenbreitstein die Biografie „Hundert Jahre Musik der Reinhardts. Daweli erzählt sein Leben“ herauszubringen.

Wenig später wurde das Daweli-Büchlein in der Koblenzer Buchhandlung Reuffel vorgestellt. Geschrieben hat es Joachim Hennig im Stile einer Autobiografie und mit Daweli als Erzähler. Dementsprechend firmieren auch Daweli Reinhardt und Joachim Hennig als Autoren. Inzwischen gibt es drei Auflagen des Büchleins.

Lesen Sie Hier einen Artikel der Rhein-Zeitung vom 15. Juli 2003

Lesen Sie Hier einen Artikel der Rhein-Zeitung vom 19. Juli 2003

Lesen Sie Hier: Hundert Jahre Musik der Reinhardts. Daweli erzählt sein Leben.

Es handelt sich hierbei um die Rohtextversion der ersten Auflage. Also reiner Text ohne Bebilderung etc. als PDF-Datei

Auch in diesem Jahr schrieb Joachim Hennig wieder einen Aufsatz für das Heimat-Jahrbuch des Landkreises Neuwied. Diesmal berichtete er über NS-Opfer, die nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler als „Sippenhäftlinge“ in das Fadenkreuz der Nazis kamen. Der Titel des Aufsatzes war: “’Sie kommen mit dem Schiff zurück.’ Die Familie Mohr aus Irlich als ‚Sippenhäftlinge’“.

Den Aufsatz “’Sie kommen mit dem Schiff zurück.’ Die Familie Mohr aus Irlich als ‚Sippenhäftlinge’“. HIER lesen

Ergänzend:

Im Mai erreichte Joachim Hennig über Generalstaatsanwalt Norbert Weise noch eine Anfrage aus Frankreich. Ein Heimat- und Familienforscher namens Eric Lafourcade erkundigte sich nach dem Schicksal seines Onkels Henri Berman. Der im Jahr 1900 in Radom (Polen) geborene Onkel war Elektroingenieur und hatte im Jahr 1933 Lafourcades Tante Yvonne geheiratet. Er war ein Widerstandskämpfer gegen die deutschen Besatzer Frankreichs gewesen. Wie Lafourcade herausgefunden hatte, war er am 4. Juli 1944 in Paris unter seinem Aliasnamen Henri Bertin verhaftet worden. Nach langen Verhören wurde er am 15. August 1944 von Paris in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt und von dort aus am 20. August 1944 in das Lager Rebstock bei Dernau und Marienthal an der Ahr. Weitere Stationen seines Schicksals konnte er bis zu einem Lager Artern in Thüringen, der Evakuierung des Lagers und dessen Tod zwischen dem 18. und 20. April 1945 in der Umgebung von Marienberg im Erzgebirge ermitteln. Dabei stieß Lafourcade auf ein Gerichtsverfahren gegen Mithäftlinge und Wachpersonal.

Unter Berufung auf das Aktenzeichen des damaligen in Koblenz stattgefundenen Verfahrens wollte er mehr über die letzten Tage und Wochen seines Onkels erfahren und hatte sich deshalb an die Generalstaatsanwaltschaft Koblenz gewandt. Diese konnte ihm aber nicht weiterhelfen, weil die Akten des Verfahrens inzwischen vernichtet waren. Generalstaatsanwalt Weise wollte dem Neffen aber bei der Suche nach dem Weg seines Onkels bis in den Tod in Deutschland helfen. Deshalb schaltete er Joachim Hennig ein und lud Eric Lafourcade zu einem Besuch in Koblenz und Ortstermin in Dernau und Marienthal ein. Zur Vorbereitung hatten Weise und Hennig die einschlägige Literatur (vor allem das Buch von Uli Jungbluth: Wunderwaffen im KZ „Rebstock“) und die staatsanwaltschaftlichen Akten eines späteren Ermittlungsverfahrens zu dem KZ-Außenlager gesichtet, die darin enthaltenen Vernehmungsprotokolle der französischen Zeugen sowie weitere Unterlagen Herrn Lafourcade zugesandt.

Am 21. August 2003 war Eric Lafourcade dann persönlich auf Spurensuche in Koblenz und in Dernau. Begleitet wurde er von Generalstaatsanwalt Norbert Weise und Joachim Hennig. Auch gab es einen Ortstermin in Dernau, an der auch ein einheimischer Zeitzeuge teilnahm.

Über den Besuch und dessen Anlass berichtete die Rhein-Zeitung ausführlich.

Den Bericht aus der Rhein-Zeitung HIER lesen

Hennig und Lafourcade hielten auch danach noch Kontakt. Hennig recherchierte hier noch weiter über Bermans Verfolgungsschicksal und die Stätten seiner Verfolgung. Im Austausch dazu sandte Lafourcade seine Rechercheergebnisse. Auf diese Weise erhielt Hennig noch weitere Informationen über Lafourcades Onkel Henri Berman (Bertin) und dessen Ehefrau Yvonne Berman, geb. Lafourcade. Lesen Sie dazu die von Eric Lafourcade erarbeiteten Kurzbiografien von Henri und Yvonne Berman.

Die Kurzbiografien HIER lesen

Eric Lafourcades Aktivitäten zeitigten dann noch einen sichtbaren Erfolg. Das auf dem Gelände des Gestapolagers Neue Bremm in Saarbrücken, in dem Yvonne Berman inhaftiert gewesen war, errichtete Novotel brachte an seiner Fassade das Porträt von ihr weit sichtbar an.

 

Ein weiteres Ergebnis des Besuches von Eric Lafourcade war, dass sich ein noch lebender französischer Häftling des KZ-Außenlagers Rebstock, Roger Detournay, ebenfalls auf Spurensuche begeben wollte und zwei Jahre später auf Einladung von Joachim Hennig nach Koblenz und nach Dernau kam.

 


 

 

 

 

 

 

 

 


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