Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

 In Treue zu Jehova Gott

Teil 4 der RZ-Serie über Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz vom 22. November 2001:

Die Familie Michaelis

Die Verfolgung der Zeugen Jehovas (früher: Ernste Bibleforscher) in der NS-Zeit war ein einzigartiger Vorgang: Sie wurden als erste Glaubensgemeinschaft verboten. Keine andere Glaubensgemeinschaft hat in ihrer Gesamtheit mit einer vergleichbaren Unbeugsamkeit sich den NS-Nötigungen versagt und sogar entgegengestellt. Von allen christlichen Gemeinschaften wurden die Zeugen Jehovas am weitaus härtesten und unerbittlichsten verfolgt. Von der Verfolgung her kann der Vergleich mit dem Schicksal der Juden in etwa gezogen werden. Sie waren die einzigen Kriegsdienstverweigerer  großen Stils. Als einzige religiöse Gruppe wurden sie in den KZs als eigenständige Häftlingsgruppe mit dem „lila Winkel“ gekennzeichnet und innerhalb des Lagers - oft im Strafkommando - isoliert. Sie waren die einzigen Häftlinge, die aufgrund eigenen Zutuns, durch ein schriftliches Abschwören vom Glauben, die KZ-Haft beenden konnten. Von etwa 25.000 Zeugen Jehovas damals waren rund 10.000 unterschiedlich lange inhaftiert, etwa 2.000 von ihnen kamen in KZs um. Weitere 1.200 kamen anderweitig um oder wurden ermordet. Zu diesen Standfesten gehörte auch die Familie Michaelis aus Neuwied.

Die Eheleute Michaelis gehörten seit den 20er Jahren den Zeugen Jehovas an. Als die Nazis 1933 die Macht übernahmen, waren sie in Neuwied gar als hauptamtliche „Pioniere“ tätig. Nach einem für Fritz Michaelis glimpflich verlaufenen Ermittlungsverfahren wurden die Eheleute zusammen mit weiteren Zeugen festgenommen und hier in Koblenz monatelang in Umtersuchungshaft gehalten. Man machte ihnen und 19 anderen den Prozess allein deshalb, weil sie Zeugen Jehovas waren, deren Schriften besaßen und sich mit ihnen versammelt hatten. Hierin sahen die Nazis ein staatsfeindliches Verbrechen. Das in Koblenz tagende Sondergericht Köln verurteilte Fritz Michaelis als „Haupt der Zeugen Jehovas im Rheinland“ zu 16 Monaten und seine Frau Liesbeth zu sechs Monaten Gefängnis. Nach der Haft kam er nicht frei, sondern wurde von der Gestapo in „Schutzhaft“ genommen und ins KZ Dachau verschleppt. Als Häftling mit der Nummer 13.382 kam er nach offiziellen Angaben am 18. April 1939 dort um.

Seine Frau Liesbeth ging nach der Haft in Koblenz zurück nach Berlin, wo sie geboren war. Sie heiratete wiederum einen Zeugen Jehovas, der ebenfalls ein schweres Schicksal hinter sich hatte und schon bald erneut verfolgt wurde. Frau Michaelis, inzwischen wiederverheiratete Seling, schloss sich in Berlin einer großen Gruppe von Zeugen Jehovas an, die in der Illegalität sehr aktiv war. Sie war u.a. Kurier und stand in Kontakt zu Glaubensbrüdern in den Außenkommandos der KZs Ravensbrück und Sachsenhausen. Auch versteckte sie mit anderen drei fahnenflüchtige junge Zeugen Jehovas vor dem Kriegsdienst. Deswegen wurde sie nach langer Untersuchungshaft wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Bei Kriegsende wurde sie befreit.
   
Nach dem Krieg blieben die Michaelis/Selings zunächst noch in Ostberlin wohnen, wichen dann aber vor der auch in der damaligen DDR drohenden Verfolgung der Zeugen Jehovas nach Berlin(West) aus. Anfang der 50er Jahre kehrten sie in den Raum Neuwied zurück. Die Tochter Lydia lebt heute bei Prüm in der Eifel.

 


 

Bereit zum Opfer: „Adsum“ (Ich bin hier/bereit)

RZ. - Artikel vom 28. November 2001:

Die Lehrerin und Schönstätterin Charlotte Holubars aus Vallendar

Obwohl die Zentrumspartei dem „Ermächtigungsgesetz“ Hitlers im März 1933 zugestimmt und der Vatikan wenige Monate später mit Hitler-Deutschland ein Reichskonkordat abgeschlossen hatte, war auch die katholische Kirche Verfolgungen ausgesetzt. Opfer waren in diesem „Weltanschauungskampf“ der Nazis vor allem die Priester. Eine Sonderstellung bei dieser Verfolgung nahm die Schönstatt-Bewegung in Vallendar ein. Für die Gestapo war sie gefährlich: wegen der „anpassungsfähigen Organisationsform“,  des - wie die Gestapo meinte - „Totalitätsanspruchs“ und „Bewegungscharakters“ sowie des „ungemein stark ausgebildeten Sendungsbewusstseins“. Schon seit 1935 wurde „Schönstatt“ besonders beobachtet und kontrolliert. Im Zuge des II. Weltkrieges steigerten sich die Schikanen zu offener Repression. 1940 kam es zu den ersten Festnahmen,Verschleppungen in KZs folgten. Betroffen waren neben den Patres auch Schönstätter Frauen: Hedwig Birnbach, die in Niederselters geborene Maria Hilfrich und Charlotte Holubars.

Lotte Holubars wurde 1883 in Schlesien geboren. Ihre Mutter starb sehr früh.  Dem Wunsch ihres Vaters, der Gymnasiallehrer war, folgend wurde sie ebenfalls Lehrerin. Zunächst war sie in Schlesien tätig, später, nachdem ihr Vater nach (Gelsenkirchen-)Buer versetzt worden war, kam sie an die Volksschule in Heusweiler bei Saarbrücken. Alsbald versuchte sie, in einen Missionsorden einzutreten, wurde aber aus gesundheitlichen Gründen nicht angenommen. So blieb sie in Heusweiler. Sie war tief religiös und gütig, wie ein Kaplan feststellte: „Die Liebe war ihr Gewicht. Ich war glücklich, in der Klasse dieser Frau Religionsunterricht geben zu dürfen. Etwas Paradiesisches tat sich vor mir auf. Sogar die schwerfälligen Kinder waren aufgelockert durch die Macht ihrer Güte, die hier wirkte. Ich spürte den Frieden Gottes.“ Bei einem Besuch in Schlesien begegnet sie dem Gründer Schönstatts, P. Joseph Kentenich. Dann schließt sie sich immer mehr Schönstatt an. Sie legt 1929 die Ewig-Weihe ab, gründet Jugendgruppen und steht Müttern und Familien in Erziehungsfragen bei. Zu Beginn der Nazizeit glaubt sie noch, im NS-Frauenbund und NS-Lehrerbund für ihre Ideale arbeiten zu können. Sie wird bald eines Besseren belehrt und beantragt 1937 aufgrund von Differenzen ihre Pensionierung wegen Dienstunfähigkeit.

Nach Vallendar umgezogen widmet sie sich dem Aufbau des jungen Säkularinstituts der Frauen von Schönstatt. Während die Gefahr für Schönstatt weiter wächst, stellt sie sich 1939 mit anderen ganz in den Dienst der Mutter Gottes: „Wir fühlen uns schwach, aber wir sind bereit! Bereit auch dann, wenn wir die Führung Gottes nicht mehr verstehen... Sei gegrüßt, o Königin, die wir bereit sind, auch das Leben herzugeben. Wir grüßen dich!“

Als sie im Herbst 1942 von einer ihrer vielen Reisen nach Vallendar zurückkehrt, hat die Gestapo ihre Wohnung durchsucht und Abschriften von Briefen P. Kentenichs aus dem KZ Dachau gefunden. Daraufhin wird sie im Koblenzer Karmelitergefängnis inhaftiert. Im anschließenden Prozess lautet das Urteil auf drei Jahre Gefängnis. Die Strafe verbüßt sie aber nicht, sondern wird von Koblenz aus ins Frauen-KZ Ravensbrück verschleppt. Die Verhältnisse dort zehren sehr an ihr. Nach Zeitzeugenberichten bleibt sie aber in ihrer christlichen Haltung ungebrochen. Am 9. November 1944 stirbt Charlotte Holubars in Ravensbrück.
                                                                                             


 

nach oben